St. Blasius-Kirche und der Klosterhof

Wir grüßen Sie in unserer Evangelischen Kirche Sankt Blasius in Nellingen ganz herzlich. Vielleicht finden Sie einige Augenblicke der persönlichen Stille und Andacht. Die geschichtlich interessierten Besucher finden nachstehend einige Informationen zur Kirche, dem Klosterhof und dem Ostfilderner Ortsteil Nellingen.

 
I. Unsere Kirche
  Vielleicht erwartet der Besucher nach einem ersten Umgang um die Kirche nicht diese Schlichtheit der Kirche in ihrem Inneren.
  Das jetzige Kirchenschiff

wurde 1777 eingeweiht. Die Inschrift über dem Hauptportal erinnert an die Einweihung: 'Dem Dienst der Ehre und der Anbetung des dreimal heiligen Gottes erbaut und weiht dieses neue Gotteshaus die christliche Gemeinde zu Nellingen im Jahre 1777, Sonntag nach Simon und Judä. Psalm 96,9: Betet an den Herrn im heiligen Schmuck; es fürchte ihn alle Welt.'

Die Einfachheit der Gestaltung entsprach den damaligen Predigerkirchen. Nichts sollte das Hören des Wortes Gottes stören oder ablenken. Im Städtekrieg von 1449 wurde das erste Kirchenschiff nach den Aussagen der Quellen ein Raub der Flammen. Das danach erbaute Kirchenschiff wurde bis auf den Turm niedergerissen. Es muss ein Schiff gewesen sein, das sich dem romanischen Stil des Kirchturms anpasste. Von diesem Kirchenschiff existieren leider keinerlei Unterlagen mehr.

Die Nord-/Südausrichtung des jetzigen Kirchenschiffes ist nicht ursprünglich. 1925/26 wurde die Kirche nach Plänen des bekannten Stuttgarter Architekten Professor Elsäßer renoviert. Der Altar stand vorher unter dem Beginn der Orgelempore, - das Gestühl war mit Sitzrichtung nach Osten aufgestellt und hinter dem jetzigen Altar (Süden) befand sich ein Seiteneingang, der zugemauert wurde und als Altarnische umgestaltet ist.

Der Altar und der Taufstein
wurden nach Plänen von Prof. Elsäßer gestaltet.
Die Kanzel
stammt noch aus der alten Kirche vor 1777.
Die erste Orgel

wurde 1765 von hiesigen Bürgern gestiftet und stammte von dem Orgelbauer Goll aus Weilheim / Teck. Dem Umbau von 1817, als eine neue Orgel aufgestellt wurde und die Orgelempore neu erstellt werden musste, fiel die gedeckte Stiege und der besondere Eingang für die Familie des Kameralverwalters zwischen der Kirche und dem alten Propsteigebäude (jetzt Sitz des Oberbürgermeisters und Bürgermeisters - bis 1986 ev. Pfarrhaus) zum Opfer.

1838 wurde ein gedeckter Gang zwischen der Wohnung des ehemaligen Kameralverwalters (altes Propsteigebäude) und dem Kanzleigebäude jetziges Rathaus) abgebrochen. 1925/26 wurde an der Nordseite der Kirche an Stelle einer offenen Treppe als Zugang zur Empore ein Anbau erstellt. 1994/1995 erfolgte eine große Renovierung mit Wiedereinweihung der Kirche am 30. April 1995. Folgende Arbeiten wurden vorgenommen:

Innen: Vollständige Erneuerung der elektrischen Anlagen mit Einbau des Zentralleuchters und Lampen; Einbau neuer Fenster an der Altarseite. Absenkung der Emporenbrüstung; Schrägstellung der Sängerempore; Generalüberholung der Orgel; Erneuerung des Fußbodens und der Bankpodeste; neue Farbgebung des Kirchenschiffs und der Bänke; Abbruch der ehemaligen Sakristei, dafür Schaffung eines Vorraums mit Neugestaltung des Aufgangs auf die Empore. Öffnung der alten Glockenstube und Schaffung eines kleinen Andachtsraumes. Totaler Umbau des früheren Gemeindesaals mit Einbau verschiedener Nebenräume (Toiletten/ Sakristei/Mesnerraum/ Lagerräume). Einbau einer Küche im Gemeinde-
raum.

Außen: Neuer Putz und Farbanstrich am Kirchenschiff. Der Turm hat seine alte Patina zum Schutz gegen aggressive Luft behalten. Bei Grabarbeiten im Kirchenschiff wurden Säulenfundamente entdeckt, die wahrscheinlich zu der Kirche gehörten, die vor 1777 hier stand.

Die Kirche hat 500 Sitzplätze.

Der Kirchturm

ist das älteste Bauwerk Nellingens. Die Bauzeit ist auf 1220 -1230 anzusetzen. Der romanische Turm hat einen in zwei Stockwerke geteilten Unterbau mit nahezu quadratischem Grundriss und darüber ein achtseitiges Stockwerk für die Glocken mit Schallfenstern.

Von den anderen romanischen Türmen Württembergs, die vom vierseitigen Unterbau zum achtseitigen Oberbau übergehen, ist der Nellinger Turm der älteste. Die Zierformen an unserem Kirchturm sind reichhaltiger als an anderen romanischen Türmen (einfache und Zwillings-Rundbogenfenster- Rundbogenfries, das in Lisenen* übergeht, kleinste Säulen und Zierleisten). 

*Lisenen: = pfeilerartiger, wenig hervortretender Mauerstreifen ohne Kapitell und Basis).

In der Glockenstube hängen 5 Glocken (es- Sonntagsglocke f- Betglocke l g- Kreuzglockel b- Totenglockel c- Taufglocke) und ergeben ein wunderschönes warmes und volles Geläut.

II. Nellingen - Propstei - Klosterhof
 

Im Jahr 1120 schenkte Anselm von Nallingen, ein frommer Mann und Teilnehmer an einem Kreuzzug, dem Benediktinerkloster St. Blasien im südlichen Schwarzwald, seine Kirche in Nellingen und die Hälfte des zu ihr gehörenden Zehnten.

Das Kloster St. Blasien, gründete um 1250 im Bereich der Nellinger Burg, im heutigen Klosterhof eine Propstei, mehr eine Verwaltungsstelle für den reichen Klosterbesitz, als ein klösterliches Gebilde. Die Propstei bestand bis 1649, als die längst reformierte Ortschaft im Tausch an Württemberg kam.

Der erste evangelische Pfarrer wurde 1537 berufen. Die Propstei wurde 1256 erstmalig urkundlich erwähnt. Die Bedeutung der Stellung des Propstes, der für eine Anzahl von Pfarrstellen der Umgebung im Namen des Abtes das Besetzungsrecht ausübte (Hedelfingen, Plochingen, Ruit, Scharnhausen und Heumaden uam.) brachte es mit sich, dass der Propst von Nellingen nicht selten der Dekan des Esslinger Landkapitels wurde.

Einige Gebäude im Klosterhof fielen 1944 einem Luftangriff zum Opfer. Erhalten geblieben sind der alte Fruchtkasten des 16. Jhdt. mit dem charakteristischen Staffelgiebel, das erste Pfarrhaus von 1565 jetzt Ordnungsamt) und das zweite Pfarrhaus (früher Propsteigebäude, - jetzt Sitz des Oberbürgermeisters und Bürgermeisters).

III. St. Blasiuskirche - Wer war St. Blasius ?
 

Er zählt nach katholischer Lehre als großer Wundertäter zu den vierzehn Nothelfern. In Italien führt er den Namen San Biagio. - Schon im 6.Jahrhundert wurde er wegen Halsleiden aller Art angerufen. Außer seinem Patronat gegen Halsleiden ist er auch Schutzpatron der Ärzte, Bäcker, Bauarbeiter, Maurer, Steinhauer, Gipser und Schneider .

Sankt Blasjus war ein Arzt zu Sebaste in Armenien und soll zur Zeit des Kaisers Diokletian gelebt haben. Seit dem 11. Jahrhundert wird jedes Jahr am 3. Februar in den katholischen Kirchen der Blasiussegen erteilt. Der Priester hält zwei gekreuzte Kerzen an den Hals des Gläubigen und spricht dabei segnend: "Durch die Anrufung des hl. Bischofs und Märtyrers Blasjus befreie und bewahre dich der Herr von allem Übel des Halses und jedem anderen Übel im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen."

Verfasser: Pfr. E. Gartmann

Entwurf von Prof. Elsäßer zur Umgestaltung des Kirchenschiffes 1925/1926.

 

 

Der Kirchenraum heute (Farben zum Vergleich mit der Skizze verfremdet). Aufnahme Lutz Köllner

 

 

In der Ausstellung "Die Reformation auf den Fildern" im Juni 2017 wird auch die Leistung von Prof. Elsässer gewürdigt, der die Pläne für Umgestaltung der Nellinger Kirche in eine "Querorientierung" vorlegte und schließlich auch durchsetzte.

 

„Die gedrehte Kirche“ oder Querorientierung des Innenraums

Die heutige äußere Form der St. Blasius-Kirche geht auf den Neubau der Kirche aus dem Jahr 1777 zurück. 240 Jahre alt ist der Bau des Kirchenschiffes. Damals wurde auch der Innenraum der Kirche gemäß der traditionellen Orientierung nach Osten konzipiert. 1906 sollten größere Renovierungsmaßnahmen in der Kirche durchgeführt werden. Der damalige Baudirektor der Stadt Frankfurt a.M., Professor Martin Elsässer, erstellte ein Gutachten und wurde mit der Planung und Leitung des Umbaus beauftragt. Ursprünglich sollten nur die Fenster erneuert, der Anstrich und der Verputz im Inneren und Äußeren vorgenommen werden.
In Ermangelung jeglicher finanzieller Mittel und durch den Kriegsausbruch 1914 konnten die Renovierungsarbeiten nicht vorgenommen werden.

Nach dem Krieg sorgte eine Geldentwertung, dass die nun dringend erforderliche Renovierung erneut verschoben werden musste. 1924 machte sich Pfarrer Albert Metzger ernstlich daran, die Renovierung vorzunehmen. Der Kirchengemeinderat zögerte. Im Frühjahr 1925 fanden mehrere öffentliche Versammlungen statt. Von Professor Martin Elsässer kam nun die Anregung, die Kirche im Inneren um 90 Grad zu drehen, so dass ein neuer Altar in der Nische des Südeingangs erstellt werden sollte. „Den Mut zu dieser schwerwiegenden Entschließung gab vor allem die Zusicherung kräftigster Unterstützung seitens der Oberkirchenbehörde“, schrieb Pfarrer Mezger anlässlich der Wiedereinweihung der Kirche am 14. März 1926. Professor Elsässer hatte argumentiert, dass der evangelische Kirchenbaustil Kanzel und Altar „in die Mitte des Zuhörerraums“ stellen würde.

Die Umgestaltung des Kircheninneren trägt jetzt dem reformatorischen Erbe Rechnung. Der Verkündiger, die Verkündigerin des Wortes und Gemeinde rücken stärker zusammen. Der Altar mit dem Bekenntnis „Jesus, Sohn Gottes, ist Retter“ (IHS), der Taufstein und die Kanzel bilden nun eine Einheit. Für Martin Luther selbst war es nicht wichtig, wo ein Gottesdienst stattfindet. „Kann es nicht unter einem Dach oder in einer Kirche geschehen, so geschehe es auf einem freien Platz unter dem Himmel oder wo Raum dazu ist“, so Luther 1544.

In den vergangenen 500 Jahren veränderten sich, so Kirchenrat Dr. Frank Zeeb, die evangelischen Gotteshäuser weiter, „Kirchenräume spiegeln immer die Theologie der jeweiligen Zeit wider.“ Insofern ist der gegenwärtige Kircheninnenraum der St. Blasius-Kirche ein Dokument unserer Zeit. Auch dieses Gotteshaus ist dem Wandel unterworfen – künftige Generationen werden in und an dieser Kirche ihren Glauben zum Ausdruck bringen.

Hans-Ulrich Winkler
Quelle: Gemeindebrief Juli-September 2017 

Auferstehungsfenster von Andreas Felger

Fenster schaffen Durchlässigkeit.
Fenster verbinden, was getrennt war- Fenster ermöglichen Beziehungen von innen nach außen, von außen nach innen-.

Auferstehung ist wie ein Fenster. Auferstehung ist wie ein Fenster, durch das Gott die Beziehung zwischen Tod und Leben geschaffen hat. Auferstehung ist wie ein Fenster, durch das Gottes Liebe über den Tod hinaus sichtbar wird.

Andreas Felger versucht, die Dynamik des Auferstehungsgeschehens auszudrücken. Als Farbe des Geschehens wählt er Blau, die Farbe des Himmels, des Geistes, der Freiheit, der Unendlichkeit -die Farbe der Kälte?

Fast vollständig von diesen unterschiedlichen Blautönen eingerahmt ist die Mandorla, jener mandelförmige, lichte Schein, die Mitte des Fensters. Oder schmilzt langsam das Eis der verschiedenen Blautöne um sie? Ein lichter Raum entsteht, voller Möglichkeiten, voller Hoffnung.

Links unten sind Platten sauber aneinandergereiht und festgefugt. Eine Architektur des Todes. Denn umsäumt ist das Grab- Rote Spuren wie von Blut zeugen von Leiden, Sterben und Tod. Aber dann ist da die Bewegung eines Stromes, der aus dem Grab hervorquillt und das ganze Bild durchzieht. Was gerade, was berechenbar erscheint, wird von dieser Kraft durchkreuzt. Die Gelbtöne am Grab und auch an anderen Stellen des Fensters deuten darauf hin, daß die Welt von Ostern durchdrungen ist. Überall sind diese Gelbtöne zu finden.

Auferstehung gilt den Menschen und dem, was sie erleben. Auferstehung gilt der Natur. Für die Natur stehen unten in der Mitte Halme.

In verschiedenen Farbtönen, in Violett, Blau und Grün stehen sie in Beziehung zur Mandorla. Eine bunte Vielfalt von senkrechten und waagrechten Strichen links könnten Wohnungen, Häuser, Ortschaften der Menschen andeuten. Die violetten Farbtöne stehen fiir die Passion, stehen für das Leid, das zugefügte und das erlittene. Aber auch sie werden hineingenommen in den Strom, der aus dem Grab kommt. Alle Kreatur wird hineingenommen in die Auferstehung.

Neues Leben wird möglich.

Photo: Ernst Kirschner
Text: Wolf Peter Bonnet

Paramente

Parament zur Karwoche an der Kanzel

Parament zu Ostern

Altarschmuck

Altarschmuck von Mesnerin Annette Liedle

Altarschmuck von Frau Margrit Raisch

Die Orgel

Orgelprospekt von 1817

Der Turm

Nordseite

Südseite

Die Turmuhr

Die vier Evangelisten

Evangelist Matthäus

Evangelist Markus

Evangelist Lukas

Evangelist Johannes

Das Turmkreuz

Aufnahme Lutz Köllner

Der Turmhahn

Aufnahme Horst Raisch

Die Glocken von St. Blasius

Die Taufglocke

Archiv Kirchengemeinde

Ton C',   Durchmesser 77,2 cm;      280 kg,
gegossen 1949 von Heinrich Kurtz, Stuttgart

Schulterinschrift:
"O Land, Land, Land, höre des Herren Wort."

Schlaginschrift:
"Lasset die Kindlein zu mir kommen" (Matth.19,14)