Predigt zum 1. Advent 2019

„Ha gugg au do na“ – Predigt am 1. Advent 2019 über Lukas 1, 48: 
„Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.“
Gehalten von Pfarrer Peter Brändle in der St. Blasius Kirche in Nellingen

Die Predigt bezieht sich auf ein im Gottesdienst präsentiertes kleines Theaterstück und eine Präsentation, die hier zu finden ist: www.brot-fuer-die-welt.de/projekte/material/indien-unberuehrbare/

I.  „Ha gugg au do na…“
„Ha gugg au do nah, jetzt isch des jonge Deng schwanger drbeih isch se no ett amol verheiratet.
Ond woisch was, d Leit saget, dass des Kend ett amol von dem Josef sei soll.
Also wenn de  mih frogsch, an dem Josef seira Stell dät i gugga dass i so schnell wiea fortkomm, des darf sich onserm Zemmermah sei Jonger ett bieata lassa…“

Liebe Gemeinde,

ich möchte nicht behaupten, dass in Marias Heimatstadt Nazareth schwäbisch gesprochen wurde. Und auch nicht, dass Maria und Liesel dort auf dem Bänkle saßen.
Was ich allerdings schon zu behaupten wage ist, dass der Maria damals der Wind ziemlich heftig ins Gesicht blies und sie sich so manchen bösen Kommentar, so manchen abschätzigen Blick und vor allem ziemlich viel Getuschel hinter ihrem Rücken anhören musste…

Zwischen 14 und 16 Jahren, so schätzt man, dürfte Maria gewesen sein, damals. Und wenn Frauen zurzeit Jesu auch früher Kinder bekamen und geheiratet haben.

Eine ungewollte Schwangerschaft ohne Sicherheit und einen eindeutigen Vater, das war ganz sicher auch damals kein Zuckerschlecken.

Und vielleicht kann sich der eine oder die andere ja so ein bisschen hineinversetzen, wie sich das  anfühlt, wenn man das Gefühl hat, angeglotzt zu werden, wie das ist, wenn Mann/ Frau spürt, dass sich die Menschen hinter dem eigenen Rücken das Maul zerreißen….
Das muss gar keine ungewollte Schwangerschaft sein.

Aber vielleicht die Info vom Klassenlehrer, dass das Klassenziel nicht erreicht wurde oder die Ansage vom Abteilungsleiter, dass bestimmte Mitarbeiter bei der nächsten Entlassungswelle dabei sein werden
Oder die Frau, die von ihrem Mann verlassen wurde.

Oder der Trauernde, der seinen Schmerz immer regelmäßiger im roten Wein ertränkt…
- „Hasch au scho ghört…“
- „Ha des däts bei mir ett gäba…“
- „Ond wie der scho aussieht…“
- „Wenn ich die sä no gugg i am besten ganz schnell weg….“

II.  Abwertend anglotzen oder aufwertend Ansehen!
„Wenn Blicke……. könnten …“, ja es stimmt schon, mit unseren Augen können wir starke Signale senden, negative und positive.

Wir sagen: „Wenn Blicke töten könnten“, aber auch: „Sie hat zwei blauen Äugelein, die leuchten wie zwei Stern…“
Wir reden von vernichtenden Blicken und davon, vor etwas die Augen zu verschließen und schmelzen dahin, wenn Humphrey Bogart zu Ingrid Bergmann sagt: „Schau mir in die Augen, Kleines…“

Wir sagen: „Glotz mich nicht so blöd an…“  und grölen (zumindest in meiner Jugendzeit) mit Annette Humpe: „Deine blauen Augen machen mich so sentimental, ja, deine Augen, wenn du mich so anschaust, wird mir alles andre egal, total egal.“

Die Macht der Augen
Auch Maria hat die gespürt.
Negativ von denen in Nazareth, die ähnlich wie Maria und Liesel sich das Maul zerrissen haben über sie, aber eben auch positiv.

Sie hat den Blick des Engels, der ihr erschienen ist, wahrgenommen und darin Gottes Blick gesehen. 

Und nach einem ersten Schrecken wurde ihr dann klar, was das für sie bedeutet hat:

„Er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen, von nun an werden mich selig preisen alles Kindeskinder.“
Maria und da ist sie mir ein ganz großes Vorbild, ja, da wird sie mir zur heiligen Maria, Maria misst dem erhebenden Blick Gottes mehr Gewicht bei als den abschätzigen, ja vielleicht sogar tötenden Blicken, denen sie auch ausgesetzt ist.

Und wissen Sie, ich glaube da können wir ganz viel von ihr lernen, von diesem jungen Mädchen.

Welchen Blicken, welchen Urteilen messe ich Gewicht bei und welche versuche ich zumindest nicht so an mich heranzulassen….
Natürlich neigen wir dazu, den negativen Dingen mehr Gewicht beizumessen als den positiven.
Da kann man als Mann einer Frau noch so viele Komplimente machen, aber wenn einer fragt: „sag mal hast du zugenommen?“, dann ist das alles nichts mehr wert.

Oder anders:
In der Schule kann es sein, ich hab‘ zu 24 Schülern ein gutes Verhältnis, aber mit dem einen Mädchen komme ich nicht klar…
Und immer wieder ertappe ich mich dabei, dem extrem viel Aufmerksamkeit zuzuwenden?

Muss das so sein? Ich glaube nicht.
Ich glaube, wir können zumindest immer wieder mal versuchen, dem Negativen nicht übermäßig viel Gewicht beizumessen.
Das hat nichts mit schönreden zu tun.
Aber mit Maria.
Bei welcher Gottes Blick ankam und die gespürt hat: Ihr sagte Gottes einer Blick mehr als 1000 abschätzige Blicke der Nachbarn in Nazareth.

III.  Unberührbar, aber nicht ohne Würde…
Apropos abschätzige Blicke
Was glauben Sie, wie es sich anfühlt, wenn man als Müllsammlerin aus der Kaste der Unberührbaren in der Stadt Guntur im Süden Indiens durch die Straßen geht und den Müll, den die besseren Leute mit einem Seil vom Balkon herunterlassen, um ihn dann aufzusammeln, ohne Handschuhe und ohne Schutzkleidung.
Sie sehen Bilder von Kumari aus der Arbeit von Brot für die Welt auf der Internetseite.
 www.brot-fuer-die-welt.de/projekte/material/indien-unberuehrbare/

Wie der letzte Dreck… ?
Ja, so könnte Kumari sich fühlen, die wir auf den Bildern sehen. Mit 16 Jahren wurde sie verheiratet, ihr Mann entpuppte sich schnell als notorischer Fremdgeher und Alkoholiker, der das mühsam verdiente Geld lieber in Alkohol als in die Familie investierte.
Ja, es gab Zeiten in ihrem Leben da fühlte sich Kumari genauso… wie der letzte Dreck. Auch als sie ihre beiden Kinder von der Schule nehmen musste, weil es nicht anders ging und die Familie sonst nicht hätte überleben können.

Doch dann begegnete Kumari Majula Julappala vom Dalit Bahujan Resource Center, einer Partnerorganisation von „Brot für die Welt“, die sich in Indien um die Dalits und insbesondere um die Müllsammler und Straßenreiniger kümmert.
Majula Julappala besorgte der Familie eine Bezugskarte für Lebensmittel zu günstigeren Preisen und einen Gasherd. Und vor allem sorgte sie dafür, dass Kumaris Tochter Jenamma wieder in die Schule gehen kann. In die Schule zu gehen ist für sie ein großes Glück. Deshalb strengt sie sich auch besonders an. Denn sie hat ein großes Ziel. „Ärztin möchte sie werden“ sagt sie schüchtern aber bestimmt. Und dann lächelt sie sogar…

Wie gut, liebe Gemeinde, dass es Engel gibt.
Nicht nur damals bei Maria und Josef, sondern auch heute, Engel wie Majula Julappala, die den Weg zu denen, die kein Ansehen genießen, nicht scheuen.
Engel wie Majula Julappala und ihre Arbeit im Dalit Bahujan Resource Center unterstützen wir mit unserem „Brot für die Welt Projekt“ in Nellingen in diesem Jahr.

Wir können nicht alle nach Indien reisen und in Projekten, wie dem vorgestellten, arbeiten.
Aber wir haben dein Gemeindehaus und wir haben ein tolles Team, das kocht und bäckt und serviert und spült und hoffentlich viele Menschen, die kommen und essen und trinken und so indirekt dazu beitragen, dass Jenamma wirklich Ärztin werden kann und weiter Grund zum Lachen hat. Eben weil sie weiß: es gibt Menschen, die nicht auf mich herabsehen, sondern mich ansehen.
Und deshalb kann ich aufrecht und selbstbewusst und auch ein bisschen stolz durch mein Leben gehen. So wie Maria.

IV.  Gott ist sich nicht zu schade
Noch einmal Maria:
Sie hat das ja durchgezogen mit der Schwangerschaft und auch mit dem Kind.
Ganz sicher ohne Mutterschutz und Geburtsvorbereitungskurs.
Der Kreissaal war ein Stall oder vielleicht auch eher eine Rumpelkammer.

Für mich bedeutet das, dass Gott sich für nichts zu schade ist.
Weder für die Unberührbaren in Indien, die ihren Lebensunterhalt mit Müllsammeln verdienen und auch nicht für die Rumpelkammern in unserem Leben hier.
 
Ich weiß nicht, wie’s Ihnen geht, aber in meinem Leben gibt’s auf jeden Fall auch so ein paar Rumpelkammern. Ganz real, aber auch im übertragenen Sinn: Ich glaube jeder/jede hat so was. Und da stellt jeder auch so manches ab. Stellen wir uns mal vor, was da so rumstehen könnte: Vielleicht die Trümmer von gescheiterten Beziehungen, der abgebrochene Kontakt zu den Kindern oder Enkeln, die Enttäuschung darüber, dass manches nicht so geklappt hat, wie man wollte, in der Schule oder im Beruf, vielleicht stehen ja auch ein paar Flaschen zu viel herum, mit denen man versucht, Minderwertigkeitskomplexe wegzuspülen oder ein paar alt Säcke voller Neid und Eifersucht und irgendwo ganz in einer Ecke, da stehen vielleicht auch noch ein paar Pakete voller Trauer über einen lieben Menschen, der mir auch nach Jahren immer noch so fehlt.

Und genau da hinten und nicht vorne, wo alles so schön aussieht, genau da hinten fängt Jesus seine Geschichte mit den Menschen an. Bei uns hier und auch dort in Südindien und überall auf dieser Welt.

Er bringt Licht grade dorthin, wo‘s dunkel ist.

Mit ihm, dem Kind in der Krippe in meinem Herzen, kann ich die ungeordneten Dinge in meinem Leben anschauen, stehen lassen, da wo’s geht, aufräumen und mich in jedem Fall trotzdem oder gerade auf Weihnachten freuen. 

„Ha gugg au do no!“
Er schaut mich an.
Sein Blick sagt mehr als tausend Worte.

Deshalb müssen wir vor nichts die Augen verschließen.
Vor gar nichts.
Amen!

 

Predigt zum 1. Advent als PDF-Datei

Dalits - die Unberührbaren in Südindien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quelle: Projektinformation "Brot für die Welt": Rechtsbeistand für die „Unberührbaren“:  www.brot-fuer-die-welt.de/projekte/material/indien-unberuehrbare/

 

 

 

 

Predigt von Pfarrer Peter Brändle über 1. Petrus 5, 5b ff, gehalten am 29. September 2019 in Nellingen, St. Blasius-Kirche

1. Petrus
1.5  Alle aber miteinander bekleidet euch mit Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.
1.6  So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.
1.7  Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.

Liebe Gemeinde,
um die Demut geht es heute.

Zunächst eine kleine himmlische Geschichte:

Da kommt also ein Pfarrer, der sehr von sich und seiner moralischen Integrität überzeugt ist, zu Petrus, inzwischen Himmelspförtner,  und bittet um Einlass in den Himmel. Zugleich kommt ein stadtbekannter „Tunichtgut“, der so einiges auf dem Kerbholz hat, was der Herr Pfarrer natürlich auch weiß.
Beide bitten bei Petrus um Einlass, wobei der Pfarrer schon einigermaßen empört darüber ist, dass es der andere überhaupt wagt, um Einlass zu bitten.
Petrus schaut die beiden an und bittet dann beide in einen Vorraum, wo beide in einem großen Fass noch ein Bad nehmen sollen.
Der Pfarrer steigt in das ihm zugewiesene Fass und stellt fest, dass er in goldgelbem flüssigem Honig badet, dem anderen, dem Tunichtgut wird ein Jauchefass zugewiesen.
Beide steigen nach einiger Zeit aus ihren Fässern. Und treten, nackt wie Gott sie schuf wieder vor Petrus.
Noch eingebildeter als vorher schaut der Pfarrer auf seinen Nebenmann und bittet Petrus um Einlass:
Doch der sagt ganz trocken: „Bevor ihr hier eintretet, bitte gegenseitig abschlecken!“


Tja,. So kann‘s gehen.

„Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen gibt er Gnade.“

Was ist Demut?
Und was sagt Paulus uns heute im Jahr 2019 lebenden und arbeitenden Menschen, wenn er uns zur Demut auffordert?
Bekleidet euch mit Demut.
Was sind das für Kleidungsstücke, die wir da tragen sollen?
Heißt das Christinnen und Christen sollen graue Mäuse sein und bloß nicht auffallen? Ja kein buntes Kleidungsstück und schon gar keine Schminke?
Und vor allem: in jeder Auseinandersetzung alles auf sich nehmen. Büßergewand, Asche aufs Haupt:
I darf nix und i benn nix und bei mir isch soweiso alles nix…

Nein, liebe Gemeinde, so nicht, das ist es ganz gewiss nicht, was Paulus uns sagen will.
Was aber dann?

Drei Annäherungen:
1.    Alles gut ?
2.    Leben ist wie Zeichnen ohne Radiergummi
3.    Demut und Humor – ein Geschwisterpaar.

Zum Ersten: Alles gut ?
Ich bin mir sicher, Sie kennen sie, die Frage: Alles gut?

Manchmal habe ich den Eindruck wir leben in der „Alles gut Gesellschaft“.
Wie manche von Ihnen wissen war ich ja in den letzten Jahren in zwei großen Unternehmen tätig. Und es liegt mir ferne, die freie Wirtschaft zu verteufeln und schlecht über diese Zeit zu reden. Nein ich habe da viele gute Erfahrungen gemacht und super Menschen kennengerlernt.
Mit einer Sache allerdings tat ich mich schwer. Gefühlt jedes zweite Gespräch und jede zweite Begegnung begann mit diesen beiden Worten: Alles gut?
Und letztendlich gab und gibt es da auch nur eine Antwort:
Klar alles gut, alles supi, alles im Griff, läuft!
In der „Alles Gut Gesellschaft“ ist kein Raum, für andere Antworten.
Denn man will ja vermitteln und als Führungskraft sowieso: Klar hab ich alles im Griff, bei mir läuft‘s.
Alles andere bedeutet Angriffsfläche. Und Zeit für ausführliche, differenzierte Antworten hat der, der diese Frage stellt in der Regel eh nicht.
Aber liebe Gemeinde heute Morgen: Alles gut?
Ganz ehrlich, bei wem ist schon ALLES gut?
Mir persönlich geht es wirklich nicht schlecht und ich bin ganz sicher auch keiner, der besonders viel jammert.
Aber alles gut?
Da sind vielleicht Sorgen um die Kinder und auch in der Beziehung ist nicht alles perfekt.
Und beruflich? Ja vieles gut, aber es gibt auch offene Baustellen und Fragen, wie alles wohl wird?…
Und natürlich auch die ganz großen Fragen:
Klimakrise und immer mehr Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten müssen, weil es sich dort nicht mehr leben lässt.
Alles gut?
Nochmal den Anzug der Schwarzmaler und Miesepeter müssen wir Christen uns nicht anziehen, aber wir haben eine ganz wichtige Aufgabe in dieser Gesellschaft und in diesem Leben. Und eine ganz große Freiheit: Nämlich die Dinge so zu benennen wie sie sind. „Die Wahrheit wird euch frei machen“ sagt Jesus im Johannesevangelium.

Und Rosa Luxemburg, deren 100. Todestag wir Anfang diesen Jahres begingen, sagte einmal: Zu sagen was ist, bleibt die revolutionärste Tat.

Ich glaube liebe Gemeinde, es ist so wichtig, dass es Menschen und Orte gibt, an denen wir nicht „Alles gut“ sagen müssen, sondern sagen, wie es wirklich ist.
Dazu haben wir die Freiheit. Und das hat eben auch ganz viel mit Demut zu tun, wenn wir dem „Alles gut“ Wahn ab und zu die Stirn bieten.
Oder mit Max Herre, dem Stuttgarter Musiker:
„Vielleicht kann man nicht immer gewinnen, aber wie man verliert das kann jeder selber entscheiden.“
Alles gut?
Eine demütig christliche Antwort lautet:
Nein, aber trotzdem gehe ich aufrecht und mit erhobenem Haupt durch mein Leben.
Alles gut?
Nein, ich hab vielleicht grad Sorgen um meine Kinder oder um meinen Job oder um meine Eltern, aber trotzdem bin ich hier und trotzdem vertraue ich, dass da ein Weg ist, den ich, den wir gehen können, denn ich kenne den Einen von dem Paulus sagt: Alle Eure Sorgen werfet auf ihn, denn er sorgt für euch!
Er hilft mir grade auch mit dem zu leben, was vielleicht nicht gut ist.

Mein zweiter Punkt:

Leben ist wie zeichnen ohne Radiergummi.
Nochmal eine kleine Geschichte, diesmal aus meinem Leben und wirklich so passiert:
Es muss im Jahr 1978 gewesen sein. Ich war in der 5. Klasse Gymnasium. 1. Stunde BK – Bildende Kunst. Zeichnen und Malen war für mich in der Grundschule ein Hassfach. Weil ich es nicht so habe mit der Genauigkeit und ich zum Leidwesen meiner Lehrerinnen dort immer über den Rand rausgemalt habe.
Dann wie gesagt, Gymnasium Klasse 5. Kunst bei Professor Klaus Pyczka. Wir sollten ein Haus malen. Ich fing an mit Vorzeichnen mit Bleistift und Lineal. Danach ausmalen. Nach einer Weile schaute mir Pyczka über die Schulter. „Um Gottes Willen, was machst denn du da? Doch nicht mit dem Lineal, raunzte er mich an“. Komm mal mit. Und dann ging‘s in sein Kabuff neben dem Zeichensaal. Voller Pfeifenrauch, das war damals noch erlaubt in der Schule. Er nahm einen Schwamm, verwischte alle meine schon wieder gescheiterten Versuche, nicht über den Rand rauszumalen und begann mit einem dicken Pinsel und groben Strichen ein Haus zu malen. Er drückte das halbfertige Kunstwerk in die Hand und sagte: „Jetzt du. Nimm Farben, kräftige und überleg nicht so viel.“

Von da an malte ich gerne. Ohne Vorzeichnen, ohne Radiergummi. Als ich fertig war mit meinem Haus, klopfte mir Pyczka auf die Schulter:
„Bist ne Malsau, aber mit den Farben, das kannste!“
Leben ist wie zeichnen ohne Radiergummi.

Wissen Sie, es läuft nie alles glatt im Leben. Und unser Lebenskunstwerk ist auch kein Malen nach Zahlen und kein CAD Plan.
Sie wissen alle selbst, wo ihre Macken sind und wo sie deutlich hinausgemalt haben über den Rand und wo vielleicht auch die Perspektive oder das Verhältnis nicht stimmt.
Aber grade so wird und ist es eben: UNSER Leben. Mit allem, was dazugehört.
Wer alles immer zu 100% richtig machen will und alle Erwartungen erfüllt, lebt vielleicht gerade so an seinem Leben vorbei und liefert eher eine schlechte Kopie als sein echtes Lebensbild ab.
Und da sind wir wieder bei der Demut und auch bei der Freiheit.
Gerade weil wir wissen, dass die Macken und die Fehlstriche und die Sackgassen zu unserem Leben gehören, brauchen wir nicht vor lauter Angst etwas falsch zu machen, uns permanent absichern oder lieber gar nichts entscheiden.

Nein wir sind frei, um zu handeln und zu entscheiden und zu leben.
Nach bestem Wissen und Gewissen, aber begrenzt.
Bist ne Malsau, aber mit den Farben, das kannste!

Mein dritter Punkt: Demut und Humor, ein Geschwisterpaar.
 Auf den ersten Blick scheinen die Demut und der Humor ein sehr gegensätzliches und ungleiches Geschwisterpaar zu sein.
Stellt man sich doch einen demütigen Menschen eher gebückt und zerknirscht, ziemlich belastet und tendenziell schwermütig vor. Ich glaube diese Bild gilt es zu korrigieren.
Ich glaube, wer wirklich demütig ist, wer um seine Schwächen weiß und diese nicht verstecken muss, wer das Gute gut und das Mangelhafte mangelhaft nennen kann, ganz offen auch im Blick auf sich selbst und das eigene Leben, wer keine Angst davor haben muss, dass das perfekte Bild Risse bekommen könnte, nur wer das kann, kann auch befreit über sich selbst lachen. So wie auch Gott, da bin ich mir sicher, immer wieder liebevoll über uns lacht droben im Himmel…

Verzeihen Sie, aber dazu noch einmal eine kleine Begebenheit:

Es war bei einem Geburtstagsbesuch.
Ich hatte das Gefühl, dass wir ein gutes Gespräch geführt hatten. Der Jubilar und ich. Im wahrsten Sinn des Wortes über Gott und die Welt und sein Leben.
Und dann ging ich, so nach einer Stunde, nachdem wir auch gesungen und miteinander gebetet hatten. Beim Rausgehen hörte ich, wie der Schwiegersohn, gebürtiger Hesse zu seinem Schwiegervater sagte:
„So Opa, jetsch hosch der Pfarrer a Überstanda…“
Ich musste lachen, und als der Schwiegersohn merkte, dass ich’s gehört hatte, er auch…
Humor und Demut, ein Geschwisterpaar.
 
Alle aber, bekleidet euch mit Demut, denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade…

 

Lassen Sie mich schließen mit Worten von Hans Dieter Hüsch, auch einer, der die Dinge benennen konnte, ohne sie schönzureden und trotzdem immer wieder lachen konnte, herzlich:

Ich bin vergnügt
erlöst
befreit
Gott nahm in seine Hände meine Zeit.
Mein Fühlen, Denken
Hören, Sagen
Mein Triumphieren
Und Verzagen
Das Elend
Und die Zärtlichkeit

Was macht, dass ich so fröhlich bin
In meinem kleinen Reich
Ich sing und tanze her und hin
Vom Kindbett bis zur Leich

Was macht, dass ich so furchtlos bin
An vielen dunklen Tagen
Es kommt ein Geist in meinen Sinn
Will mich durchs Leben tragen

Was macht, dass ich so unbeschwert
Und mich kein Trübsinn hält
Weil mich mein Gott das Lachen lehrt
Wohl über alle Welt

 

Amen!

Pfarrer Brändle, Predigt über 1. Petrus 5, 5b ff, am 29. September 2019, St. Blasius-Kirche

 

Erntedankfest 2019 - Pfarrer Peter Brändle in Nellingen St. Blasius-Kirche

Liebe Gemeinde,

wenn sie  über ihren Glauben nachdenkt, hat Margit, sie  ist 52 und Physiotherapeutin  immer  wieder das Gefühl, sie bekommt  Steine statt Brot  und  von  den Rosen am besten Fall die Dornen. Ja, manchmal hat sie das Gefühl  sie bekommt  von Gott  selbst  einen Korb. Eine glatte  Abfuhr,.

 „Ich bete doch jeden Tag, morgens und abends. Und in die Kirche geh ich auch, ziemlich oft. Und im Frauenfrühstück fehle ich fast nie.

Aber irgendwie  läuft vieles ins Leere.  „Der hört mich nicht. Ich weiß manchmal  gar nicht, was ich noch glauben soll.

Letztendlich muss ich ja doch alles selbst geregelt kriegen.

Hilf dir selbst dann hilft dir Gott.“

Ich glaube, Margit ist mit diesem Gefühl nicht alleine

Ein Korb von Gott.

Dieses Gefühl kennen viele, In ganz unterschiedlicher Weise.

Und mit diesem Gefühl lebten auch die, an die der heutige Predigttext ursprünglich mal gerichtet war: Menschen in Jerusalem vor über 2500 Jahren: „Warum fasten wir und du siehst es nicht an, warum kasteien wir unseren Leib und du willst es nicht wissen…? So zitiert der Prophet die, an die er sich richtet, ein paar Verse vor dem heutigen Predigttext.

Seine Antwort ist erstaunlich:

Nicht: Du musst halt noch mehr beten und vor allem richtig und noch frömmer werden und fasten und meditieren.

Oder heute: Probier‘s doch mal mit Yoga oder mit dem Jakobsweg oder einem Bibelkurs oder geh doch mal zu dem Pfarrer da in der Nachbargemeinde, der bringt das so lebendig rüber, oder zu Prisma in den Scharnhauser Park….

Nein, seine Antwort auf die  so bedrängende Frage nach der Nähe Gottes lautet:  

Ich lese  aus Jesaja 58:

Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Liebe Gemeinde:

Der Prophet sagt uns hier glasklar: Die Begegnung mit dem Bedürftigen führt zur Begegnung mit Gott.

Aus dem Mund dessen, der meine Hilfe benötigt, höre ich dann mitten auf der Erde die Stimme des Himmels, die zu mir sagt: Hier bin ich.

Klare Ansage!

Kirche ist nur da wirklich Kirche, wo sie für Andere da ist.

Und wenn die Evangelische Kirche in Deutschland ein Rettungsschiff für Geflüchtete ins Mittelmeer entsendet, dann ist sie damit ebenso auf dem Weg, den Jesaja aufzeigt, wie wenn die Kirchengemeinde Nellingen in diesem Jahr ein Projekt von Brot für die Welt zur Unterstützung der Dalits, der Unberührbaren in Indien unterstützt.  

Aber liebe Gemeinde:

Es geht mir heute Morgen weder ums Schulterklopfen noch darum Ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen und sie mit einer ellenlangen To do Liste in den Sonntag zu schicken.

Nein:  Es geht mir um nicht weniger als um ihr Herz.

Und darum, dass Sie nachher das Gefühl haben, beschenkt nach Hause zu gehen. Mit einem vollen Korb.

Vielleicht gelingt es ja, dass sie berührt  werden in ihrem Herzen von dem Gedanken, dass die Zuwendung zu Menschen, die Hilfe brauchen nicht lästige Christenpflicht ist, sondern uns  etwas  gibt.

Ja, dass wir mit Körben voller Rosen heimkommen, wenn wir  mit den Hungrigen unser Brot teilen.

Drei Beispiele von gefüllten Körben von Menschen, die gesättigt wurden und nicht abgespeist.

Weil sie geteilt haben, ihr Brot:

-                Zum Ersten: Mein Ebo, en lass i nemme  ganga…

-               Zum Zweiten: Muss  i  denn muss  i  denn  zum Städtele hinaus

-              Und  zum Dritten : Puccini im U Bahn Schacht und ein Polizist mit Herz

Zum Ersten

Mein Ebo, en lass i nemme  ganga…

Ebo kommt aus Syrien und bekam vermittelt vom AK Asyl der Kirchengemeinde die Möglichkeit in einer Autowerkstatt als Aushilfe tätig zu sein.

„Anfangs war ich skeptisch“, sagt der Chef.

„Ganz ehrlich- So ein Schwarzer. Kann der das?

Und was ist mit den Kunden, wenn ich mal nicht da bin.

Und meine Mädels im Büro? Allein mit so einem….

Ob das geht?“

Es ging!

Und wie! Ebo erwies sich als extrem geschickt und lernwillig und zuverlässig und charmant.

Der Chef der Autowerkstatt sagt heute:

„Ja, ich war skeptisch, aber  jetzt weiß ich, mir konnte gar nichts Besseres passieren. So fleißig und zuverlässig und freundlich. Ich wüsste gar nicht, wie ich es ohne ihn noch schaffen sollte.“

„Mein Ebo , den lass i nemma ganga!“

Automechaniker sind selten Poeten, aber ich glaube, der Chef würde unterschreiben, wenn ich sagen würde: der Ebo, das ist ein Geschenk des Himmels! Oder mit Jesaja: „wenn du den Hungrigen dein Herz finden lässt, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen…“

Zum Zweiten:

Muss i denn muss i denn zum Städtele hinaus…

Es  war bei einem Trauerbesuch.

Alles ganz schlimm. Weil der Opa total dement ist und alles  durcheinander bringt und nicht fassen kann, dass seine Frau nicht mehr da ist und nur wirres Zeug redet und den Töchtern das alles  furchtbar peinlich ist und sie keine Ahnung haben wie das weitergehen soll. Und jetzt auch noch der Pfarrer…

Aber dann erzählt mir der Opa trotz Demenz auf einmal, wie das war mit seiner Frau und dass die  beiden lange getrennt waren, weil er beruflich schon im Schwabenland war und die Frau noch in der alten Heimat.

Und dass er dann immer  gesungen hat beim Abschied  "Muss  i  denn, muss i  denn zum Städtele hinaus" …Und  auf einmal haben wir zusammen gesungen, er und ich alle Strophen auswendig.

Und plötzlich strahlen die Töchter und bekommen feuchte Augen und ich auch. Sättigen, nicht abspeisen!

Brich mit dem Hungrigen dein Brot:

Mein dritter Punkt: Puccini im U Bahn Schacht und ein Polizist mit Herz

Weil ein Polizist  sich  berühren lässt von einer wunderschönen Stimme und weil Emily Zakoura  sich trotz Obdachlosigkeit an ihre Stimme  erinnert  und  vielleicht auch  an  ihren Vater in Russland und singt herzzerreißend  schön „O mio Babbino Caro“ – o mein lieber Papi,  in der U Bahn in LA , deshalb hat sie jetzt einen Plattenvertrag und  über eine halbe  Million follower… und muss vielleicht ja bald nicht mehr  Plastiktüten hinter sich her schleifen….

Hector Guzman, Polizeisprecher in Los Angeles sagt: „Die Botschaft für uns ist einfach: Wir sollten daran denken, uns einen Moment Zeit zu nehmen, um uns umzuschauen und zuzuhören."

Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Sättigen nicht abspeisen!

Ich hab Ihnen versprochen, dass ich Ihnen kein schlechtes Gewissen und auch keine „To do“ Liste zum Abarbeiten in ihrem eh schon vollen Alltag mit nach Hause geben will.

Aber eine Zusage, ein Versprechen soll es sein:

„Brich mit dem Hungrigen DEIN Brot.

Dein Brot!

Das heißt doch: gerade du hast etwas, etwas ganz besonderes, Einzigartiges, was du teilen kannst, etwas zum Hergeben! Etwas, was ein Anderer nur von dir bekommen kann.

Überlegen Sie mal! Da fällt Ihnen was ein, ich bin mir sicher!  =>

In unserem Nachdenken und Nachspüren begleitet uns Liudmilla Frank am Klavier mit „The Rose“.

Ich sage, die Liebe ist wie eine Blume und du ihr einziger Samen
 
Und dann, liebe Gemeinde, heute Morgen hab ich zum Schluss noch eine Frage:

Kennen Sie Mr Sott?

Nein?

 Mr Sott ist nicht etwa ein neuer Minister im sich gefühlt wöchentlich verändernden Kabinett von Donald Trump.

Nein Mr Sott ist eigentlich Schwabe.

Und eigentlich  spricht er auch gar kein Englisch. Er spricht schwäbisch.

Mr sott sagt er immer wieder. Man sollte…

Mr sott dringend

·         die Tante besuchen,

·         das Einkaufsverhalten verändern

·         sich ehrenamtlich engagieren,

·         dieses Problem endlich offen ansprechen

·         sich mehr Zeit für die Familie nehmen,

·         weniger Auto fahren,

·         abnehmen,

·         einen alten Freund anrufen…

 

„Mr sott.“

Ich wünsche mir, dass wir uns heute Morgen verwandeln lassen. Von Mr. Sotts, von „mr sott Menschen“ zu solchen, die Ich sagen.

Denn wissen Sie, dazu hat uns Gott ja geschaffen. Die Bibel berichtet davon schon auf ihren ersten Seiten.

Obwohl Adam von Anfang an kein Musterschüler ist und mit seiner Eva gleich mal kräftig danebenlangt, wird er uns als einer vorgestellt, der Ich sagen kann. Ich als Persönlichkeit, als Individuum!

Ich!

Weniger: „mr sott“, als vielmehr: Ich.

Ich bin bereit dies oder jenes zu tun.

Ich stelle mich dieser oder jener auch unangenehmen Situation.

Ich kann nicht alles machen, aber da, wo ich etwas zugesagt habe, versuche ich meinen Teil beizutragen.

Und manchmal sage ich auch eindeutig: „Nein!“

Aber eben auch „Ich“.

Liebe Gemeinde,

wo wir Ich sagen, werden wir angreifbar.

Nicht nur im negativen Sinn. Viel wichtiger, auch positiv. Greifbar, berührbar.

Auch für andere.

Und, das ist das Versprechen, mit dem ich Sie heute in Ihr konkretes nicht perfektes, aber besonderes Leben schicke: Wo wir „Ich“ sagen, da kann‘s immer wieder passieren, dass ich in dem Augen meines Gegenübers auf einmal das Leuchten der Augen Gottes entdecke, die mich anstrahlen und mir sagen: Hier bin ich.

Und du bekommst keinen Korb von mir!

Oder nochmal anders:

-          „mein Ebo, den lass i nemme ganga-„

-          „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus“

-                   -            Puccini im U Bahn Schacht und ein Polizist mit Herz

-          Vielleicht tragen Sie nächste Woche ihre Geschichte in diese Liste ein.

 

Und vielleicht sieht ja Margit, sie erinnern sich, die 52 jährige Physiotherapeutin, in der Rose, die vor ihrer Praxis liegt und die sie von dem Patienten bekommen hat, den sie eigentlich hätte gar  nicht behandeln dürfen, weil er keine Krankenversicherung hat, eine Rose, die  ihr der liebe Gott  geschenkt hat.  

Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen:
Siehe, hier bin ich.

Amen!

Pfarrer Brändle, Erntedank-Predigt am 6. Oktober 2019 in der St. Blasius-Kirche

Erntedank-Predigt 2019 als PDF-Datei

Predigt von Pfarrer Peter Brändle am 10. Oktober 2019 in Nellingen, St. Blasius-Kirche

Gott schreibt auf krummen Zeilen gerade –

Liebe Gemeinde, der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im 2. Kapitel des Buches Josua.

Die Israeliten stehen nach erfolgreicher Flucht aus Ägypten und der Durchquerung des Schilfmeeres vor dem Einzug ins gelobte Land. Mose der Anführer war gestorben und hatte Josua beauftragt, seine Nachfolge anzutreten. Und Josua wusste auch nicht so recht, was sie da erwarten würde, im gelobten Land. Deshalb schickt er zwei Kundschafter Richtung Jericho. Was dort passiert ist spannend:

Lesung Josua 2, 1- 14

„Mach auf, mach sofort auf, ich muss mit dir reden…“

Rahab schrickt auf. Sie ist eingenickt am Feuer in der Küche ihres Hauses am Stadttor. Draußen war es schon dunkel geworden. Und spät auch schon. Salmon, ihr Mann ist schon im Bett. „Mach auf, mach sofort auf, ich muss mit dir reden.“

Jetzt hat sie ihn erkannt. Es ist Boas, ihr Sohn. Schlaftrunken geht sie zur Tür und öffnet ihm.

„Wenn der das nicht zurücknimmt, dann bring ich ihn um…, er darf alles tun, aber meine Mutter beleidigen, das darf er nicht.

Boas ist außer sich.

„Jetzt setz dich erstmal hin und beruhige dich. Und dann erzählst du mir, was passiert ist.

Rahab sieht ihrem Sohn in die Augen. Die funkeln vor Wut und die Adern am Hals sind hervorgetreten. So hat sie ihren Sohn noch nie gesehen. Oft sieht sie ihn grad eh nicht, seit er ausgezogen ist. 25 Jahre alt ist er jetzt schon, ein richtiger Mann…

Nur langsam beruhigt er sich.

Und dann bricht es  aus ihm heraus;

„Der Elkana, der Drecksack, weißt du, was der behauptet: Dass ich ja gar nicht sicher sein kann, dass mein Vater Salmon wirklich mein Vater ist, weil du doch früher mit jedem ins Bett gestiegen seist, ja, er stockte und dass du eine Hure warst und dass es Zeit sei, dass ich das auch mal erfahre.

Wenn die anderen sich nicht vor ihn gestellt hätten, ich glaub ich hätt‘ ihn echt erschlagen.

„Zum Glück“ entgegnet Rahab „zum Glück hast du das nicht getan.
Boas, eigentlich wollte ich mit dir schon lange mal darüber reden: Elkana hat Recht, zumindest teilweise….

„Nein!!!!,  bricht es aus Boas  heraus, neiinnnn, hat er nicht.

 

„Womit er nicht recht hat ist, dass er in Frage stellt, dass Salmon wirklich dein Vater ist. Salmon ist dein Vater ganz sicher.“

„Aber warum sagst du dann, dass er recht hat?“

„Weil das Andere stimmt. Ja, ich war wirklich eine Hure. Ja, ich hab mir meinen Lebensunterhalt verdient, dass ich mit anderen Männern ins Bett ging, und du willst gar nicht wissen, wer da alles dabei war…“

 

„Hör auf Mama“ hör auf, das kannst du nicht sein, du doch nicht….“

 

„Doch ich. Und ganz ehrlich, Ich hatte eigentlich gar keine andere Chance damals. Ich hatte keinen Mann und einen Job gab‘s auch nicht und irgendwie musste ich ja über die Runden kommen und deine Großeltern musste ich auch noch versorgen und meine jüngeren Geschwister.

Und mit Salmon, deinem Vater, kam ich nur zusammen, weil ich damals die Kundschafter der Israeliten, die Josua losgeschickt hatte vor dem König von Jericho geschützt habe. Aber ganz ehrlich, das war auch nicht unbedingt eine Heldentat. Mir ging‘s auch da ums. Überleben.

Ich dachte mir: Die Israeliten werden uns überlegen sein, nach allem, was man von denen gehört hatte und bevor die auch mich und unsere ganze Familie ausrotten, lass ich mich lieber mit denen ein und verrate unseren König und seine Leute.

Und so kam es ja dann auch. Unser Haus war das Einzige, das die Israeliten verschont haben in ganz Jericho. Aber nur, weil ich das mit denen ausgehandelt habe.

Sonst wär ich auch schon lange nicht mehr unter den Lebenden. Und dich, dich würde es gar nicht geben.

Aber, und als sie diesen Satz sagt, muss Rahab schlucken, aber das es dich gibt und dass ich den Salmon getroffen habe unter den Israeliten, die da ins Land kamen, deinen Vater, das ist mein größtes Glück. …

 

Boas saß mit ungläubigen Augen da. Immer wieder schüttelte er den Kopf. Sagen konnte er nichts. Irgendwann stand er auf. Und ging. Wortlos.

Rahab konnte nicht schlafen in dieser Nacht. Nur Salmon neben ihr, der schlief den Schlaf des gerechten.

 

Liebe Gemeinde, Rahab, eine Frau mit Vergangenheit.

Keine mit einem glänzenden Lebenslauf.

Als Hure hat sie ihr Geld verdient.

Und auch ihre Rolle in der Geschichte mit den von Josua ausgesandten Kundschaftern ist nicht eindeutig.

Klar, sie hat den Israeliten geholfen. Aber die Anderen, ihre eigenen Landsleute hat sie gnadenlos verraten und den Besatzern ausgeliefert. Objektiv betrachtet, um den eigenen Arsch zu retten.  

Alles andere als eine Heilige, die Rahab.

Ziemlich schillernd, man könnte auch sagen: zweideutig diese Frau.

Sauberfrau Rahab – Fehlanzeige…

 

Schnitt

Was, der will Pfarrer sei und d’ Leit verheirata, isch doch selber gschieda…

 

Was: Ministerpräsident Kretschmann persönlich gratuliert Reinhold Würth zu 70 Jahren Unternehmensführung und lobt seine Verdienste für das Land Baden Württemberg. Dabei war der Würth doch vor Jahren der Steuerhinterziehung angeklagt und hat 3,5 Mio. Strafe bezahlt.

 

Was, die macht Jungschar und hat Verantwortung für unsere Kinder, dabei hab ich sie doch am Samstag aufm Volksfest gsäa mit ra Zigarett im Mund und ob se no ganz nüchtern war, weiß i au nett und zwei Kerle henn se  em Arm kett.

 

Was…

Ich könnte diese Reihe fortsetzen.

Eines will ich gleich mal klarstellen:

Den Mann, die Frau mit der ganz weißen Weste gibt es nicht. Wir alle haben irgendwo unsere Flecken und irgendwo unsere Leichen im Keller.

Und das müssen gar nicht immer irgendwelche moralischen Vergehen sein.

Aber es gibt ja so Dinge die hätten wir gerne anders, da hätten wir uns gerne anders aber kriegen es einfach nicht hin, vielleicht auch, weil wir so geprägt wurden von den Eltern, von den Lehrern, von der Oma vom Leben – Schwachstellen dunkle Seiten woher immer sie kommen, ich glaube jeder kennt sie auch bei sich…….

Damit sie mich nicht falsch verstehen: ich will damit nicht sagen, dass alles egal ist und auch nicht, dass es keine Unterschiede in der moralischen Integrität gibt. Und dass so ein Mensch wie der Attentäter von Halle ja nichts dafür kann, weil er vielleicht eine schwierige Kindheit hatte. Nein, so nicht, ganz und gar nicht.

Es ist ganz klar: es gibt Dinge wie z.B. die sind aufs schärfste zu verurteilen und da muss Unrecht benannt und auch bestraft werden.

Und gerade wir Christenmenschen sollten schon darauf achten, dass das Leben und der Glaube, die Worte und die Taten zusammenpassen.

Aber ich glaube auf der anderen Seite eben auch, dass auf dieser Welt lange nicht alles immer eindeutig ist, eindeutig gut oder eindeutig schlecht, es gibt Grautöne und es gehört auch zu unserem Menschsein dazu, dass Dinge zweideutig beurteilt werden. Dass ein Mensch vom einen so - eben sehr positiv-  und vom anderen so -eben sehr negativ- wahrgenommen wird.

Mir fällt da, um in der Region zu bleiben, der frühere Stuttgarter OB Manfred Rommel ein:

Auf den kam ich kürzlich bei einem Besuch zu sprechen.

Und ich hab ihn gelobt, auch weil ich kürzlich in einer Ausstellung über ihn war: der ideale OB, klug, humorvoll, weltoffen, charakterstark… - ein super Typ.

Bei meiner Gesprächspartnerin stieß ich dabei auf wenig Verständnis:

„I hann den gar ett leida könna „  sagt sie „und du woisch scho au, dass der Rommel oiner von de Vordenker für Stuttgart 21 war…“

Ich will jetzt hier von der Kanzel runter keine Diskussion über S 21 von Zaun brechen, aber mir geht es um die Uneindeutigkeit in der Beurteilung von Menschen und Ihres Wirkens.

Das gilt für Rahab, für Rommel, für mich und wahrscheinlich auch für Sie…

 

Gerade der Manfred Rommel erzählte gern folgenden Witz:

Ein Autofahrer hört aus dem Radio: "Bitte fahren Sie äußerst rechts, ihnen kommt auf der A8 zwischen Ausfahrt Esslingen und Plieningen ein Geisterfahrer entgegen.“ Sagt der Fahrer zu seiner Beifahrerin: “Was einer, bei mir send des Hunderte.“

 

Und da sind wir wieder beim Thema: Wenn ein Mensch vermittelt, dass beim ihm immer alles glatt läuft und nie ein Problem auftritt und er zu den absoluten Saubermännern zählt, und alles immer richtig macht, dann stimmt meistens etwas nicht…

Nicht umsonst sagt Jesus: Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken in deinem Auge siehst du nicht.

Apropos Jesus:

Auch er hat ja seine Vergangenheit.

Im 1. Kapitel des Matthäusevangeliums wird uns sein Stammbaum vorgestellt.

Und wer findet sich da?

Überraschung?

Rahab!

Ja, die Rahab!

Ich weiß nicht wie’s ihnen geht, aber: Mir tut das so gut!

Eine Hure im Stammbaum des Heilands.

Gott schreibt auf krummen Zeilen gerade.

Ihm ist nichts zu banal und nichts zu unmoralisch und nichts zu menschlich und kein Mensch zu belastet, um mit ihm, mit ihr nicht seine Geschichte zu schreiben.

Und wissen Sie: Wenn in Jesu Vergangenheit Rahab ihren Platz hat, dann ist doch in seiner Zukunft, in der Gemeinde derer, die als Christen seinen Namen tragen, für uns alle Platz.

Für uns mit all unseren bekannten und unbekannten Leichen im Keller.

Noch einmal: Als getaufte tragen wir seinen Namen, sind wir Teil seiner Nachkommenschaft, also seines Stammbaums.

Und so wie für Rahab Platz ist unter seinen Vorfahren, so haben nicht nur perfekte, sondern vor allem auch komische Heilige unter seinen Nachkommen ihren Platz.

Auch solche mit einer schillernden Vergangenheit.

 

Noch einmal zurück zum Anfang:

Boas hat eine Weile gebraucht, bis er den Schock dieser Nacht verarbeitet hatte.

Ein halbes Jahr hatte er keinen Kontakt zu seiner Mutter.

Aber gedacht hat er oft an sie, sehr oft und sie an ihn. .

Dann aber, eines Abends setzte er sich hin und schrieb ihr einen Brief:

Liebe Mama, entschuldige, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe.

Abner ich konnte einfach nicht. Zuviel ist zerbrochen in dieser Nacht als du mir deine ganze Geschichte erzählt hast, mein Bild von dir als der perfekten Ehefrau und Mutter. Ja, das warst du für mich. Und jetzt ist alles anders. Und es wird auch nichts mehr so werden wie es mal war.

Und doch:

Irgendwie bin ich dir auch dankbar. Dankbar, dass du mir die Wahrheit gesagt hast, wenn auch spät. Und noch was: Du bist echt eine starke Frau.

Und eigentlich auch ziemlich cool, wie du den Deal mit den Leuten von Josua da ausgehandelt hast. Das hätte sich nicht jede getraut. So hast du dein und eigentlich auch mein Leben gerettet.

Und weißt du, worum ich dich auch bewundere:

Das ist dein Glaube. Dir nehme ich wirklich ab, wenn du sagst, dass Gott dich begleitet und zwar auf allen deinen Wegen. Bei dir ist das kein Geschwätz.

Mama, ich brauche noch eine Weile, bis ich wieder zu dir kommen kann. Aber du sollst wissen, dass ich dich sehr lieb habe und eigentlich auch ein bisschen stolz bin auf dich

Boas

PS: Mit Elkana ist übrigens alles wieder gut!

 

Liebe Gemeinde,  Rahab sagte:

Der Herr euer Gott, ist Gott oben im Himmel und unten auf der Erde….

 

Und unten auf der Erde, da schreibt er auf krummen Zeilen gerade.

Auch in meinem Lebensbuch.

Gott sei Dank.

Amen!

  Pfarrer Brändle, Predigt gehalten  am 10. Oktober 2019 in der St. Blasius-Kirche

 

 

"Gott schreibt auf krummen Zeilen gerade", Predigt als PDF-Datei