Predigt von Pfarrer Marten Bernick zu Christi Himmelfahrt 2020

Predigt: „Jesus will dich“ (Johannes 17,20-26) von Pfarrer Marten Bernick, Nellingen


Da ist Ben, er ist 16 und er geht in Heiligenkirchen in den Jugendkreis. Noch nicht lange, er wurde vor kurzem von Tim dazu eingeladen. Und er geht einfach mal mit. Er wundert sich über eine Gruppe Jugendlicher in diesem Jugendkreis: Und er wundert sich über ihre Worte, die sie finden, über andere zu sprechen: Herablassend reden sie. Und er fragt sich, was er bislang eigentlich für ein Bild von Christen hatte. Er dachte, Christen machen einen Unterschied. Jetzt fragt er sich, ob er überhaupt noch länger zum Jugendkreis gehen soll, wenn es dort zugeht wie auf dem Schulhof. 

Da ist Kathrin in Schönkirchen. Sie ist 46 Jahre alt, und sie freut sich, dass ihre Kinder in die Jungschar und in den Jugendkreis gehen können. Sie selber geht nicht zur Kirche – dazu hat sie keine Zeit, meint sie. Und sie weiß auch nicht, was es ihr eigentlich bringen würde. 

Ja, bringt es was, zur Kirche zu gehen? Oder, anderes gefragt – macht es einen Unterschied – macht Christsein einen Unterschied?

 

Predigttext: Johannes 17,20-26 nach Luther84

20 Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, 

21 damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. 

22 Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir eins sind, 

23 ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst. 

24 Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe der Grund der Welt gelegt war. 

25 Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast. 

26 Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.  

 

1) Worauf wir schauen dürfen – Jesus macht den Unterschied 

Christsein soll tatsächlich einen Unterschied machen. Was Jesus sagt, daran soll sich die Gemeinde orientieren.
 

 „Wer mich sieht, der sieht den Vater“, „der Vater und ich, wir sind eins“ – Jesus begegnet uns im Johannesevangelium als der Sohn, der in Einheit mit dem Vater auftritt. In Jesus begegnen wir Gott, was er sagt, tut und macht, seine Reden, sein Leiden und sein Auferstehen, darin begegnet uns Gott selbst. 

Das hohepriesterliche Gebet, das sind Jesu intime, eigene und ernste Worte für die Zukunft der Kirche.
 

Wir kommen vom Vaterunser, der letzte Sonntag war Rogate – Betet! Jesus machte darin klar, dass es sein Anliegen ist, dass bei uns auf der Erde passiert, was im Himmel schon längst selbstverständlich ist: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden“, heißt es dort. Das heißt dann: Liebe, Leben, Freundlichkeit und Herrlichkeit sollen auch in unserer kleinen Welt groß werden.   

 

2) Geliebter, als wir ahnen – Jesus ändert das Leben

Im Johannesevangelium macht Jesus klar, dass wir als Kirche, als Gemeinde nichts ohne ihn tun können. Im Beispiel vom Weinstock (Johannes 15) malt Jesus das Bild, in dem er der Weinstock und wir die Reben sind. Eine Rebe, die nicht mehr am Weinstock dran ist, kann nicht wachsen und wird nicht versorgt. Und Jesus will damit sagen: Ohne mich, Jesus, wachst Ihr Christen nicht. 

Dieses Grundverständnis bestimmt auch unseren Text aus dem hohepriesterlichen Gebet:
 

Damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. (Johannes 17,21)
 

Jesus eröffnet eine Zukunft, weil er weiter schaut. Seine Liebe und sein Gebet schauen weiter auf die, die von den Jüngern zum Glauben für ihn erreicht werden. Für die, die noch weiter weg sind, für sie bittet Jesus. Für Ben und für Kathrin. Genauso, wie er für die Jünger bittet.

 

Vielleicht sind heute wir das, für die Jesus damals schon gebetet hat. Können wir uns das vorstellen? Jesus betet für uns, für Dich und mich. Und heute sitzen wir hier. Die, die seiner Gemeinde zu hören und unter seinem großen herrlichen Namen zusammenkommen.

 

Jesu Bitte wird dringender, je mehr die Gemeinde wächst. Mehr Menschen, mehr Konflikte, würden wir sagen. 

 

Mehr Sünder, mehr Vergebung, antwortet Jesus. Und das soll die Welt da draußen spüren und sich sehnen, dazuzugehören. Jesus, er hat uns gesucht und gefunden. Und dann in der Einsicht verbunden, mit seiner Liebe geliebt. 

Macht Christsein einen Unterschied?   

 

Das Wissen darüber, dass Jesus Dich wirklich liebt, befreit Dich dazu, weniger zu brauchen und mehr zu lieben. Das heißt: Weniger ich. Mehr Du. Mehr wir. Je mehr wir mit Christus verbunden sind, umso wichtiger wird uns die Gemeinschaft im Glauben, das, was Gemeinde, was Kirche ausmacht. 

Dadurch dienen wir nicht nur einander – sondern Christus. Denn darin sagen wir der Welt, warum Jesus tatsächlich in die Welt gekommen und in der Welt geblieben ist.
 

„Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst. (Joh. 17,22+23)

 

Jesus, er liebt die Gemeinde, dich und mich. Und dazu gehört, dass er sich selber hineingibt in die Gemeinde – dass er seinen Sohnesnamen und seinen Sohnestitel auf die Gemeinde überträgt, damit wir alle durch in verbunden sind: Die Gemeinde, deren Herr und Heiland Jesus Christus ist. 

Ich stelle mir vor, dass Jesus seine Arme hebt, seine Hände emporstreckt: „Vater, zu Dir rede ich!“ Innerlich tief bewegt betet Jesus für die, die damals mit ihm unterwegs waren. Für die, die er liebhat, seine Freunde, die, die seinen Tod verkraften müssen und auch sonst manches Leid. Und er betet für ihren Glauben. Und nicht nur dafür. Er betet auch für die Späteren, die ihnen dann wieder zuhören und zum Glauben kommen werden. Er betet für die Gemeinde, die auf Ostern und Himmelfahrt bereits zurückblickt. Er betet für uns. Für Dich und mich. Für Sie und mich. Mich bewegt das: Jesus betet für mich und für dich. Doch dabei bleibt es nicht.
 

Jesus ist in den Himmel aufgefahren, damit er durch seinen Geist ganz bei dir sein kann. „Immer und überall“, so heißt ein Kinderlied das unsere Tochter immer singen will. „Immer und überall“ ist Christus und löst falsche Bindungen, räumt auf in unserem Leben und richtet uns neu aus.  Und hilft uns so, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren: Dass wir von uns wegsehen und hinsehen auf ihn selbst.
 

Macht Kirche einen Unterschied? Ja, Kirche macht den Unterschied: Unsere Einheit soll auf Gottes Welt hinweisen. Was hier im Kleinen geschieht, das ist bei Gott im Großen schon Wirklichkeit. Denn „Dein Wille geschehe – wie im Himmel, so auf Erden“. Wollen wir das?

 

 

3) Was wir hoffen dürfen – Jesus geht, um zu bleiben

Lange konnte ich mit Himmelfahrt wenig anfangen. Ein sonderbares Fest war das für mich. Christen feiern, dass Jesus sie verlässt. Auf mich wirkte das schräg. Doch dann merkte ich, dass Himmelfahrt mehr ist. 

Jesus ist in den Himmel aufgefahren, damit er durch seinen Geist ganz bei dir sein kann. Himmelfahrt und Pfingsten gehören zusammen. Jesus ist physisch zum Vater gegangen, um geistlich bei allen – und zwar „immer und überall“ zu sein:

 

Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe der Grund der Welt gelegt war. (Johannes 17,24)

  

Jesus will alle bei sich haben, die sein Wort hören. Sie sind geliebter, als sie ahnen und als sie es wissen. Du und ich – wir sind geliebter, als wir ahnen, weil Jesus uns liebt. Dir und mir will er seine Herrlichkeit zeigen.
 

„Damit sie meine Herrlichkeit sehen“ – Jesus verspricht es uns heute: Du wirst meine Herrlichkeit sehen. Da kommt was Neues in Dein Leben, wenn Du nur auf mich schaust. 

Je stärker wir an Christus gebunden sind, umso mehr gewinnen wir dann an Freiheit. Freiheit vom alten Leben. Die Bindung an Christus, sie macht frei – ein Paradox des Glaubens. Und doch: Tiefe Gewissheit. 

Ben aus Heiligenkirchen: Er ist zwar etwas irritiert über die herablassende Gruppe im Jugendkreis. Doch er hat ja Tim, der ihn eingeladen hat. Und der ist irgendwie anders. Ben, er möchte dem Jugendkreis nochmal eine Chance geben. Und was er noch nicht ahnt: In Wahrheit ist es Jesus, der ihm nochmal eine Chance geben möchte. 

Kathrin aus Schönkirchen hat die stille Ahnung, dass da irgendwie mehr ist, bei den Menschen in der Gemeinde. Sie kann es nicht genau sagen, weil: So wundervoll sind sie nun ja auch nicht, die Menschen. Aber wenn sie ihren Kindern zuhört, was sie erzählen, dann ist da immer dieser Jesus und eine Liebe, von der man hört. Und das muss doch irgendwie einen Unterschied machen. In Wahrheit ist es Jesus, der ihr nochmal eine Chance geben möchte.

Ben und Kathrin, sie schauen ab jetzt auf ein größeres Ziel. Können wir das auch?  Aufblicken zu einem größeren Ziel, Aufblicken zum Himmel. Und dabei übersehen wir es bloß nicht, wenn Jesus direkt neben uns steht. Uns in den Arm nimmt und sagt: Hier bin ich. Bist Du auch bei mir? 

Jesus ist in den Himmel aufgefahren, damit er durch seinen Geist ganz bei dir sein kann. Und das ist er auch. Er betritt dein Leben, und will sich auf das Sofa Deiner Seele setzen. Das, was er dort findet, das will er vorher noch ausräumen – denn da ist nur Platz für Dich und ihn. Er nimmt es, er trägt es weg an sein großes Kreuz. Vergeben. Dann bleibt Jesus nicht weg, nein, er kommt und er nimmt Platz auf dem Sofa Deines Herzens. Wollen wir ihn bei uns haben? 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
 

AMEN.

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Predigt von Pfarrer Marten Bernick zu Pfingsten 2020

Predigt am Pfingstfest

31. Mai 2020 St. Blasius Kirche Nellingen von Pfarrer Marten Bernick

(Apostelgeschichte 2,1-22: Das Pfingstwunder)

1.) Von der Verunsicherung der Jünger

2.) Von der Hoffnung der Jünger

3.) Von der Pfingstsprache der Jünger

 

 

1) Von der Verunsicherung der Jünger

Was kommt nach Himmelfahrt?

Die Jünger hatten Jesus erlebt, waren noch schockiert von Karfreitag, seiner Kreuzigung, konnten das Osterfest, die Emmausbegegnungen noch gar nicht so recht einordnen. Da schien das Himmelfahrtsfest doch passend: Endlich ein Abschied, den sie einordnen können. Aus und Vorbei – alles am Ende. Aber immerhin, sie verstehen es.

Jetzt endlich wissen sie, dass Jesus zum Vater geht. Ein Abschied, zwar traurig, doch erklärbar. Sie trauerten der Zeit mit Jesus nach. War es das gewesen?

War jetzt etwa die Zeit erfüllt, dass Jesus sein ewiges, großes Reich aufbaut – und wiederkommt? Die Jünger wollten das wissen:

„Die nun zusammengekommen waren, fragten Jesus und sprachen: Herr, wirst du in dieser Zeit wieder aufrichten das Reich für Israel?“ (Apg. 1,6)

Niemand weiß das, noch nicht mal er selber, wird Jesus selbst antworten, „aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“ (Apg 1,8)

Jesus sagt den Jüngern das Pfingstfest voraus. „denn Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber sollt mit dem Heiligen Geist getauft werden“ (Apg 1,5)

Da gab es bislang nur die Taufe von Johannes, mit Wasser. Und jetzt, jetzt wird das etwas anders. Jetzt kommt die Taufe mit dem Heiligen Geist.

 

Predigttext:

Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen. Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.

Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache? Parther und Meder und Elamiter und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom,

Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden.

Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein. Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, liebe Männer, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, und lasst meine Worte zu euren Ohren eingehen! Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde am Tage; sondern das ist's, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3,1-5): »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben;

und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.

Und ich will Wunder tun oben am Himmel und Zeichen unten auf Erden, Blut und Feuer und Rauchdampf; die Sonne soll in Finsternis und der Mond in Blut verwandelt werden, ehe der große Tag der Offenbarung des Herrn kommt.

Und es soll geschehen: wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden.«

Ihr Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus von Nazareth, von Gott unter euch ausgewiesen durch Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst –

diesen Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war, habt ihr durch die Hand der Heiden ans Kreuz geschlagen und umgebracht. Den hat Gott auferweckt und hat aufgelöst die Schmerzen des Todes, wie es denn unmöglich war, dass er vom Tode festgehalten werden konnte.

2. Von der Hoffnung der Jünger

Was wir kennen: Worte der Entmutigung: „Das schaffst Du doch nie!“, „wie soll das alles werden!“, „Das klappt doch nie!“. Wer etwas Neues anfängt, hört diese Worte. Worte die entmutigen. Nehemia hat es damals, zur Zeit des Alten Testamentes auch gehört, als er die Mauer wieder neu aufbauen wollte: „Das klappt nie!“, „wir sind zu klein, wir sind zu schwach“.

Das erinnert mich an Kinder, die im Auto mitfahren. Vielleicht erinnert es mich auch an die eigene Kindheit: „Mama, wann sind wir da? Wann sind wir da? Wann sind wir da?“ Wir sind noch nicht da. Wir sind gerade erst losgefahren. In Wirklichkeit sind wir noch nicht einmal auf der Autobahn. Kennen Sie das? Manchmal fühlt sich mein Leben so an. Und wir fragen uns: „Wann sind wir da?“ Und man kann dann auch schnell denken: „Wie lange mag das dauern, bis Gott kommt und mir hilft?“ Ich glaube: Gott ist nicht langsam, sondern Gott hat Geduld mit unserer Langsamkeit (vgl. 2. Petrus 3,9). Wenn wir das erleben und aufnehmen, dann verändert sich unsere Hoffnung – und dann können wir uns gegenseitig Mut machen. Wir sollen uns gegenseitig Mut machen. Und das umso mehr, als ihr doch seht, dass der Tag schon anbricht. (vgl. Hebr. 10,25)

Manchmal mag sich unser Leben wir Karfreitag anfühlen. Trostlos. Leer. „Kommt da noch was?“, mag man fragen. Doch für jeden Karfreitag gilt: Da kommt der Ostersonntag. Wir leben vom Ostersonntag. Und erst in der Perspektive von Ostern können wir den Karfreitag begehen und verstehen.

Deshalb frage ich: In welcher Perspektive lebe ich? In welcher Perspektive lebst Du?

3) Von der Pfingstsprache der Jünger

Pfingsten blickt zurück, um voraus zu blicken: Im Mittelpunkt steht das Wunder, das Gott an Jesus getan hat: Gott hat Jesus von den Toten auferweckt. Deshalb wird er auch Dich auferwecken. Und da steht das Wunder, das Jesus selbst von den Toten auferstanden ist. Da hat Jesus seine Macht über Tod und Teufel gezeigt, da ist klar geworden, wer das letzte Wort behält.

Dieses Bekenntnis zu Christus eint uns und macht uns mutig und froh, trotz einer Welt, in der wir leben, trotz einer Welt, die uns immer wieder enttäuscht, trotz einer Welt, in der wir warten müssen, trotz einer Welt, in der wir andere immer wieder enttäuschen, mutig voran zu gehen.

Das faszinierende des Pfingstfestes besteht darin, dass Menschen mit verschiedenen Sprachen sich verstehen. Es scheint wie der Gegenentwurf zu Babel: Wo Menschen größer sein wollten als Gott, da erlebten sie, wie Gott sie zurückdrängte. Die Sprachenverwirrung warf sie zurück, sie konnten nicht mehr zusammenarbeiten. Menschen verstanden sich nicht, und zwar im wörtlichen Sinne. Dieser Fluch wird mit Pfingsten weggenommen. Es gibt ein neues Verstehen – über alle Grenzen hinweg. Christus ist die Mitte und seine Gemeinde preist ihn. Das versteht jede und jeder, die dazugehört.

Und so beginnt mit Pfingsten etwas, das wie der Vorplatz des Himmels anmutet: Menschen, die sich normalerweise nicht verstehen können, kommen zusammen. Und dann hören sie die anderen in der eigenen Sprache sprechen. Ein Vorgeschmack des himmlischen Gotteslobs, das wir eines Tages alle gemeinsam sprechen werden. Eine große Geduld, ein freier Frieden und eine positive Perspektive machen sich breit.

In diesen Tagen macht mich etwas sehr betroffen. Es ist der Mord an George Floyd, einem Menschen dunkler Hausfarbe in den USA. Ich frage mich: In was für einer Welt leben wir? Wir leben anscheinend in einer Welt, in der manches Leben weniger oder mehr wert ist als ein anderes. Dem gilt es, zu widersprechen. Pfingsten widerspricht solchen Abwertungen. Das Pfingstfest verändert Menschen. Und es macht aus uns Wahrheits-Sucher, Gerechtigkeits-Bringer, Zeugnis-Geber und Versöhner. Aus verletzten Menschen macht es solche, die Verletzungen heilen. Christsein macht einen Unterschied. Du und ich – wir machen einen Unterschied. Weil wir eine neue Sprache sprechen.

Es ist die Sprache des Christus: Denn „hier ist kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann noch Frau; denn ihr seid allzumal einer in Christus Jesu.“ (Gal 3,28)

„Wenn Pfingsten uns daran erinnert, dass uns das Entscheidende – nämlich Gottes eigene Gegenwart und sein Wirken in uns – bereits mit Jesus Christus selbst geschenkt worden ist, dann sind wir von dem Richtigen begeistert.“ (Hans-Joachim Eckstein)

Denn das Pfingstfest steht vor allem dafür: Für die Erfahrung der Gottesnähe und für die Freude an der neu gewonnenen Gemeinschaft. Freuen wir uns darüber!

Amen.

 

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Predigt von Pfarrer Marten Bernick zum Sonntag Rogate am 17.05.2020 Matthäus 6, 5-15: "Beten befreit"

Predigt am Sonntag Rogate (17. Mai 2020) zu Mt. 6,5-15: „Beten befreit“
von Pfarrer Marten Bernick 

 
„Bitte betet!“, kam die Nachricht auf mein Handy. „Bitte betet!“, so zog mich eine WhatsApp aus meiner kleinen romantischen Abendwelt des Rasenmähens hinaus in die Weite der Sorgen und Nöte anderer. Was war geschehen?
 
Ich hatte mich zunächst gefreut: Da war ein warmer Sommerabend und ich wollte kurz noch den Rasen mähen. In einer Arbeitspause ging ich an die Terrasse, mein Blick schweifte zur Wasserflasche: Kurz ein Schluck. Erfrischung zwischendurch. Weiter schweifte mein Blick auf das Handy – eher beiläufig, mehr ein Routineblick: „Wird sich schon keiner gemeldet haben.“
 
Falsch gedacht! Die Nachricht leuchtet kurz, knapp und erschütternd: „Bitte betet!“ – Für mich wurde klar: Hier geht es sofort, ohne Wenn und Aber um eine ernste Angelegenheit. Es war die Nachricht, die Angehörige eines 34-Jährigen verbreiteten, der selber inmitten eines bösen Covid-19-Verlaufs war.  
Beten – hilft das? Wann bete ich – und vor allem: Wo?
 
Wir hören den Predigttext aus dem sechsten Kapitel des Matthäusevangeliums. In der Bergpredigt spricht Jesus davon, wie wir beten sollen: 
»Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Scheinheiligen: Sie stellen sich zum Beten gerne in den Synagogen und an den Straßenecken auf – damit die Leute sie sehen können. Amen, das sage ich euch: Sie haben damit ihren Lohn schon bekommen. Wenn du betest, geh in dein Zimmer und verriegel die Tür. Bete  zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. 
Und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird dich dafür belohnen. Sprecht eure Gebete nicht gedankenlos vor euch hin – so machen es die Heiden! Denn sie meinen, ihr Gebet wird erhört, weil sie viele Worte machen. Macht es nicht so wie sie! Denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch bevor ihr ihn darum bittet.

Darum sollt ihr so beten:

Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. 

Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 

Unser tägliches Brot gib uns heute. 

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
[Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]

Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben.
 
Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

„Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Scheinheiligen: Sie stellen sich zum Beten gerne in den Synagogen und an den Straßenecken auf – damit die Leute sie sehen können.“ (Mt 6,5) – so leitet Jesus hier seine Rede zum Gebet und Vaterunser ein. Wo beten wir? 
 
1) Wo wir beten können – Der Ort des Gebets
2.) Was wir hoffen können – das Versprechen des Gebets
3.) Worauf wir uns freuen können – das Gebet macht frei
 
„Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Scheinheiligen“, ja, je sichtbarer die Heuchler ihre Gebete machten, umso sicherer erreichten sie bei den anderen den Eindruck, den sie erwünschten: Fleißige Superfromme, die vermeintlich alles für Gott geben. Tragisch, was über sie geschildert wird: Sie strengen sich an, mit aller Kraft. Doch sie scheitern. Sie redeten im Gebet nicht mit Gott. Ihr Gebet war vergeblich, weil es sich nicht nach Gott und seinem Reich ausstreckte, sondern nach Anerkennung bei den Menschen gierte. Ihr Gebet war nur ein Verzweiflungsschrei ihres gefräßigen Egos. Heuchler, Schausteller waren sie.

Jesus weist uns hin, an diesem Morgen, dass unsere Einstellung ihm gegenüber im Gebet zum Ausdruck kommt: 

Ist uns gleichgültig, wer Gott für unser Leben ist, dann ist unser Gebet fromme Fassade.

Wünschen wir, dass er uns hilft, nehmen wir ihn ernst, so wie wir ernste Fragen, ernste Themen und echte Probleme ernst nehmen, dann sollte unser Gebet auch so sein. 

Dann findet meine tiefe Sehnsucht, meine Frage, die ich Gott stelle, echten Ausdruck in meinem Gebet. 
Gott sieht das. Und Gott sieht auch in das Verborgene. 

Und ihn lässt unser Leben, unsere Sorge und unsere Unsicherheit nicht kalt. Noch bevor wir uns wirklich sehen, sieht Gott uns. „Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.“ (Jesaja 65,24). 
 
„Wenn du betest, geh in dein Zimmer und verriegel die Tür. Bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird dich dafür belohnen.“ (Mt. 6,6)

Es ist eine Abstellkammer, eine Speisekammer, von der Jesus spricht. Sie war damals der einzige Ort in den Häusern der Menschen, der sich verriegeln ließ. Ein Ort, in den nicht jede und jeder einfach so hineinkommt. Dahin sollen wir gehen, wo wir Ruhe finden. Ruhe für ein Gespräch mit Gott.
 
Wo findest Du Ruhe?

Eigene Erfahrung: Es ist bei mir nicht so sehr die Frage nach dem Ort – für mich ist eine Frage der Zeit: Wann finde ich Ruhe für das ernste, echte Gespräch mit meinem Schöpfer?

Oder anders: Wo in meinem Terminkalender ist eine „Speisekammer für meine Seele“, ein fester, vielleicht ein wiederkehrender Termin. Mein Date mit Gott. Und deshalb, weil das Gebet mein zutiefst ehrliches Gespräch mit Gott ist, deshalb sagt Jesus: „Ja, Ihr dürft mich auch Vater nennen.“ Im Gebet öffnen wir uns für Gott. Gott kommt an die erste Stelle – dafür hat Jesus gelebt, gelitten und ist er auferstanden. 
 
2.) Was wir hoffen können – das Versprechen des Gebets

Gott sieht, was Du brauchst. 

„Denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch bevor ihr ihn darum bittet.“ (Mt 6,8b)

Wir lernen bei Jesus, dass wir im Gebet mit jemandem reden, der uns kennt. Gott kennt uns. Gott kennt Dich und mich. Gott weiß, was Du brauchst, Gott sieht, wo Du Angst und Sorge hast.
 
Wenn ich das weiß, dann macht mich das frei fürs echte Gebet. Frei von Floskeln, frei von gedruckten Worten, frei von langen Erklärungen: Ein Beter muss kein Redner sein, weil Gott Dich nie missversteht. Bei Gott gibt es keine Missverständnisse – denn: Er weiß ja schon Bescheid. 

Ja, wenn er sowieso Bescheid weiß – warum sollten wir denn dann überhaupt beten? Wenn Gott uns liebt und uns kennt – brauchts‘ das Gebet dann überhaupt?

Wir legen unsere Bitten vor Gott – und damit legen wir sie selber ab. Was wir selber fest in Händen zu halten glaubten, legen wir im Gebet zurück in die Hände dessen, dem es schon lange gehört: Gott selber. 

Im Beicht- und Bußgebet da legen wir das Böse und Hinterhältige ab, wir geben es dem, der alle Schuld trägt, und Christus nimmt es ab. Er hat es schon gesehen in letzten Ecke unseres Herzens; lange hat er darauf gewartet, dass wir ihm geben, was er wegtragen möchte an sein großes Kreuz. 

Und dann spüren wir es: Je mehr wir unsere Selbstsucht dann aus den Händen legen, umso freier, erleichterter und unbeschwerter wird auf einmal unser eigenes Leben. Dein Leben wird frei.

Weiter geht’s im Vaterunser mit der Befreiung:
 
„Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“ (Mt 6,10) 

Weil Jesus uns frei machen möchte, lenkt er unseren Blick in den Himmel. Ja, oben wie unten, im Himmel und auch bei uns auf der Erde soll Gottes Wille geschehen. Das, was im Himmel schon selbstverständlich ist: Leben, Friede, Liebe und Herrlichkeit – das soll auch auf der Erde Stück für Stück Wirklichkeit werden.

Wo Gottes Wille verkannt wird, da verspricht er: „Ihr werdet mich finden und erkennen, was ich von euch möchte.“ Gott bleibt nicht ungesehen und nicht unerlebt. Er verspricht, dass seine Welt inmitten unserer Welt Wirklichkeit wird, erlebbar, erfahrbar für Dich und mich. Glaubst Du das? 

Kannst Du es Dir vorstellen? Dann lasst uns dafür beten! 
 
3.) Worauf wir uns freuen können – das Gebet macht frei

Am Ende unseres Textes lesen wir eine sonderbare Verschränkung:

Vers 14: Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. 

Alles noch wunderbar! Doch jetzt geht’s weiter: 

Vers 15: Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Was bedeutet denn das? Haben wir als Protestanten nicht immer davon gesprochen, dass Gottes Liebe bedingungslos und ohne Voraussetzungen gilt? Fordert uns Jesus hier auf und will er unsere Vergebung sehen, damit Gott uns dann erst vergibt?

Jesus möchte uns frei machen vom Zorn und Unmut, den wir gegenüber uns Mitmenschen haben. Und er sagt es recht hart: Passt auf, dass euch Gottes Gnade nicht verloren geht, weil ihr selber nicht vergeben könnt.
 
Ohne die Vergebung öffnet sich Gottes Reich nicht für uns.

Das heißt andersherum aber auch: Bleib fröhlich, gerade weil Du ja Gottes Gnade erfährst und Christus alles wegträgt.

Jesus betritt das Sofa unseres Herzens. Er sieht dort, was er schon lange kennt. Und Du sagst es ihm, gibst es ihm, legst es ihm in den Schoß. Er nimmt es, trägt es weg und räumt auf – gemeinsam mit Dir.
 
Da kommt vielleicht noch so manche SMS oder WhatsApp auf unser Handy. So manche Nachricht, die uns fordert.
 
Jesus bleibt sitzen, in der Mitte Deines Herzens, mitten auf dem Sofa deiner Seele. Und verspricht Dir seinen Heiligen Geist: Bald ist Pfingsten, neuer Mut wird kommen. Freiheit wirst Du schmecken und spüren. Jesus sagt: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt.“ (Schriftlesung)

Und dann erlebst Du Gelassenheit, dass Du in der gegenwärtigen Situation schon den Abstand gewinnst, den sonst erst die Zeit schafft. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. 
AMEN.

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