Predigt von Pfarrer Peter Brändle am Altjahrsabend. "Ein herzilicher Rückblick auf das Jahr 2019"

Ein „herzlicher“ Rückblick auf das Jahr 2019

Predigt am Altjahrabend 2019 von Pfarrer Peter Brändle
zu Hebräer 13, 9:
„Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.“


Liebe Gemeinde,
das Bibelwort, das uns an diesem Jahreswechsel begleitet, steht im Hebräerbrief Kapitel 13 Vers 9:

„Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.“

Ums Herz soll es also gehen, liebe Gemeinde, an diesem Altjahrabend des Jahres 2019.
Und darum, dass das Herz, unser menschliches Herz, fest werde.
Dass es einen Anker bekommt oder wie es Matthias Claudius einmal so schön ausgedrückt hat:
„Etwas Festes muss der Mensch haben, daran er zu Anker liege, etwas, das nicht von ihm abhange, sondern davon er abhängt.“

Nicht nur im Verständnis der Bibel ist das Herz das gefühlte Zentrum von uns Menschen, der Ort an dem der Mensch mit seinen Gefühlen, seinen Freuden und seinen Schmerzen Mensch ist und Mensch wird.
Auch unsere deutsche Sprache weiß davon mehr als ein Lied zu singen. Sie weiß von gebrochenen Herzen und solchen die vor Freude hüpfen, man kann in ihr von Herzensangelegenheiten erzählen und wenn einer etwas mit Herzblut tut, dann ist er ganz mit bei der Sache. 

Ich möchte sie heute Abend gerne mitnehmen und mit ihnen auf ein paar, genau genommen auf zwölf Herzensereignisse, zwölf Herzensangelegenheiten, verbunden mit den 12 Monaten des zu Ende gehenden Jahres blicken. 12 Ereignisse des öffentlichen z. T. auch politischen Lebens auf diesem Planeten. 12 Herzensereignisse, die unseren Blick aber auch auf unser eigenes Leben und unser eigenes Herz lenken sollen.

Wir beginnen, wie es sich gehört, im Januar
Genau genommen am 6. Januar 2019
Sich ein Herz fassen.

Standen Sie schon einmal oben auf einer Skisprungschanze?
Sei es in Oberstdorf oder in Innsbruck oder gar am Holmenkollen.
Wer da runter will, muss sich ein Herz fassen.
Aber das alleine reicht nicht.
Nur Mut ist zu wenig. Es gehört auch Talent dazu und Übung und Vorbereitung.

Der, dem das in diesem Jahr perfekt gelungen ist, kommt aus Japan. Ryoyu Kobayashi heißt er.
4 Springen bei der 4-Schanzentournee und 4 Siege. Nach Sven Hannawald und Kamil Stoch ist er erst der dritte, dem das gelingt. Markus Eisenbichler aus Siegsdorf in Oberbayern hat das Nachsehen.

Sich auf etwas vorbereiten, üben und trainieren, aber dann, wenn’s gilt, sich ein Herz fassen und springen. Das kann auch für ein Gespräch gelten, das wir lange schon führen wollen oder für eine Präsentation im Teammeeting oder für einen Heiratsantrag oder…
Wichtig ist dann neben aller Vorbereitung und allem Mut auch das Vertrauen, das Vertrauen, getragen zu werden. Die Skispringer sagen: „ins Fliegen hineinkommen.“ 

Jesaja sagt: Aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Sich ein Herz fassen und vertrauen.

 
Gehen wir weiter!
Februar 2019
Etwas mit Herzblut tun…

Am 19. Februar geht das Leben von Karl Lagerfeld zu Ende. Auch wenn die Aussage, dass ein Mensch, der Jogginghosen trägt, die Kontrolle über sein Leben verloren hat, doch zu hinterfragen ist, so war der aus Hamburg stammende Modezar ganz sicher einer, der das, was er gemacht hat, mit Herzblut gemacht hat. Und auch deshalb war er gut, auch deshalb war er erfolgreich. Wer „Chanel“ über Jahrzehnte führt und zu neuem Ruhm verhilft, der muss schon etwas draufhaben.

Dass Sie im vergangenen Jahr Dinge mit Herzblut gemacht haben und dabei auch erfolgreich waren, das hoffe ich und ich wünsche es Ihnen für das neue Jahr. Ich jedenfalls habe seit meinem Wiedereinstieg in den Pfarrberuf genau das erfahren: Wie gut es ist, wenn man etwas mit Herzblut machen darf.

Und jetzt doch noch ein Satz zur Mode:
Coco Chanel, eine der Vorgängerinnen von Carl Lagerfeld sagte einst: „Sie sollten sich an jeden Tag so anziehen, als könnten Sie ihrer großen Liebe begegnen.“
Dazu muss jeder seinen eigenen Stil finden. Aber was ich wichtig finde, das ist, dass wir von jedem Tag bereit sind, etwas zu erwarten und besondere Erfahrungen zu machen…, AUCH MIT HERZBLUT.

März 2019 Das Herz berühren lassen.
Christchurch, Neuseeland 
Beim Terroranschlag auf zwei Moscheen in Christchurch (Neuseeland) am 15. März 2019 tötete der aus Australien stammende Rechtsterrorist Brenton Tarrant mit Schusswaffen insgesamt 51 Menschen und verletzte weitere 50, einige davon schwer. Bei den Getöteten handelte es sich um Menschen muslimischen Glaubens, die in zwei Moscheen zum Gottesdienst versammelt waren. Das jüngste Opfer war 3, das älteste 71 Jahre alt.

Nicht nur die Tat an sich, sondern auch die Tatsache, dass der Täter seine Tat filmte und danach umgehend ins Netz stellte, erschütterte die Welt. 
Erstaunlich dabei und für mich tief beeindruckend war die Reaktion der neuseeländischen Regierungschefin Jacinda Ardern. Sie nahm ihr Herz in beide Hände und sorgte dafür, dass nur 72 Stunden nach dem Anschlag eine Verschärfung der Waffen Gesetze durchgesetzt wurde. Von der ersten Sekunde an vermied es die Premierministerin, über Neuseeländer muslimischen Glaubens als eine irgendwie besondere Gruppe zu reden. Eigenhändig schrieb sie in ihre Rede einen aus nur drei Wörtern bestehenden Satz, der ebenso klar ist, wie zutiefst bewegend: „They are us.“ Sie sind wir.
Ein Verbundensein mit den Moslems behauptete Ardern nicht nur, sie demonstrierte es. Ein schwarzes Tuch ums Haar, berührte sie Hinterbliebene nicht nur durch ihre Worte, sondern auch durch physische Nähe, Stirn an Stirn. Durch ihre Haltung sorgte Jacinda Ardern dafür, dass der verheerende Anschlag von Christchurch nicht zu einer Spaltung der neuseeländischen Gesellschaft führte, sondern, dazu, dass in der Gesellschaft in Neuseeland auf einmal mehr Nähe und Herzenswärme spürbar wurde.
Einem Journalisten der BBC, der sich über Arderns plötzliche demonstrative Nähe zu den Moslems wunderte, verriet ein junger Neuseeländer: „Wir Kiwis sind einfach so. Wenn ein Hindu stirbt, trauern wir mit den Hindus, wenn ein Moslem stirbt, trauern wir mit den Moslems.“
Das ist Sympathie - Mitleiden im besten Sinne…
 
April 2019
Das Herz Frankreichs brennt.

Am 15. April steht die Kathedrale Notre Dame im Herzen von Paris in Flammen.
Die Süddeutsche Zeitung schreibt: Der Brand von Notre-Dame erschüttert Frankreich. Für die Pariser ist die Kathedrale das Herz ihrer Stadt – das lichterloh in Flammen aufging.
Auf Luftaufnahmen sah die Kirche wie ein großes brennendes Kreuz aus. Pariser und Touristen rannten auf die Straßen, beteten, sangen religiöse Lieder. Es war tieftraurig. Und zugleich führte der Schrecken dieses Abends die Menschen zu einer Art spirituellem Akt zusammen, wie ihn Paris seit langer Zeit nicht mehr erlebt hatte. Es schien, als würde das gotische Gotteshaus im Moment seines Niedergangs noch einmal seine verbindende Kraft entfalten.

Ich glaube auch das kennen wir in unserem Leben, auch im ganz kleinen.
Als es meinem Vater auch im April dieses zu Ende gehenden Jahres gesundheitlich sehr schlecht ging, rückten wir als Familie zusammen. So oft, wie in diesen Wochen, hatten wir uns alle schon lange nicht mehr gesehen. Und auf einmal war da, auch angesichts der sichtbar gewordenen Endlichkeit, ganz viel Nähe. Auch Herzensnähe…

Mai 2019
Ein Herzbube kommt zur Welt.
London, 6. Mai 2019 Meghan Markle, alias Prinzessin Meghan, bringt ihren ersten Sohn zur Welt. Archie Harrison Mountbatten-Windsor… Die Welt nimmt Anteil.

Ob er und seine Eltern die Erwartungen erfüllen, die an ihn gerichtet sind? Gerade scheint es, als ob sich die schöne Meghan schwer tut mit den Anforderungen, die an sie gerichtet werden. Ähnlich wie ihre längst verstorbene Schwiegermutter, Lady Diana. Und Baby Archie? Schön soll er sein und klug. Und vielleicht auch ein bisschen Prinz der Herzen wie sein Papa der süße Harry.

Armer, süßer, reicher, schöner Archie…

Aber wie ist das mit unseren Erwartungen an unsere Kinder und Enkel? Und wie ist es, wenn sie so anders werden als wir es uns vorgestellt hatten? Sind wir dann auch so hart wie die Boulevardpresse?

Oder barmherziger, menschlicher, weil es doch immer um einen Menschen geht und ein Herz, das empfindlich ist?


Juni 2019   Wir bleiben auf der Insel.
Ein Deutscher erobert die Herzen der Engländer: Jürgen Klopp aus Glatten im Nordschwarzwald, gewinnt mit dem FC Liverpool die Championsleague. Und die britische Fußballwelt liegt dem Deutschen Strahlemann zu Füßen…
Jürgen Klopp ist Christ. Kurz vor dem Abflug zum Championsleague Finale nach Madrid schickt er dem Liverpool-Fan Dave Evans, der an Krebs erkrankt ist und eigentlich in Madrid das Finale sehen wollte, eine Videobotschaft: „Ich habe gehört, Du bist ein unglaublicher Kämpfer. Wir denken an dich. Du bist wirklich bei uns. Und Dave, egal was passiert: Ich bin Christ, wir sehen uns… Ich bin Christ, wir sehen uns!“

Ich glaube, Jürgen Klopp hat das Herz von Dave Evans erreicht. Auch weil er auf sein Herz gehört hat und er trotz allem Erfolgsdruck und bei allem gewinnen wollen noch unterscheiden kann zwischen Wichtigem und Unwichtigem. Dass die Hymne an der Anfield Road in Liverpool „You never walk alone“ heißt – du gehst nie allein, macht die Geschichte noch berührender.

Über seinen persönlichen Glauben sagt Jürgen Klopp: „So, wie ich Gott kennengelernt habe, ist er der verlässliche Partner, der mit mir geht, auch wenn ich selbst nicht immer verlässlich bin.“
Auch „You never walk alone!“ – Jürgen Klopp ist am richtigen Platz.
Wo immer er ist!

Juli 
Ein Wort, das voll ins Herz trifft.

Am Ende des Jahres zurück in den heißen Sommer.
Den Sommerhit landen Camilla Cabello und Shawn Mendes mit dem Song „Senhorita“.
Einspielen des Songs!
Eine Frau redet davon, wie sehr sie es mag, wenn ihr Geliebter sie Senhorita nennt. Sie weiß, dass durchaus auch manches gegen diese Liebe spricht. Aber er muss eigentlich nur ein Wort sagen…
Kennen Sie das?
Ich hoffe!

Und umgekehrt gefragt: Wissen Sie, mit welchen Worten Sie andere erreichen, positiv mitten ins Herz treffen. Ich glaube es ist wichtig, dass wir uns ab und zu treffen lassen, mitten ins Herz und auch, dass sie sie selbst nicht verlernen, die Sprache der Liebe, mit der wir andere erreichen.
Natürlich auch unseren Partner, unsere Partnerin…

Aber auch andere Menschen, wenn wir von Herzen sagen: „Es tut mir leid.“ oder „Mama“, auch, wenn ich jetzt 52 Jahre alt bin, “dein Salat isch einfach der beste.“ oder zur Tochter: „Nelly, ich bin stolz auf dich.“

Mit Worten das Herz erreichen… 

August - ein Herz für Umkehr.
Am 9. August fällt der Kühlturm des stillgelegten Atomkraftwerkes Mühlheim-Kärlich und damit ein Symbol für die zerplatze Hoffnung auf saubere Energiegewinnung. Ehemals höher als der Kölner Dom, bricht der Kühlturm kontrolliert in sich zusammen.

Nach den schrecklichen Unglücken von Tschernobyl und Fukushima, um nur die prominentesten zu nennen, wird in Deutschland der Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen. Weil erkannt wurde, dass die scheinbar so saubere Technik von Menschen nicht beherrschbar ist. Irrwege als solche zu erkennen und zu benennen, ist nicht einfach und oft doch so notwendig im Kleinen wie im Großen.

Das erfordert, sich ein Herz zu fassen.

Und, auch das sei hier angemerkt. Ich glaube, wenn wir meinen, die Energiewende in Deutschland könne ohne Einschnitte auch in ganz persönliche ans Herz gewachsene Gewohnheiten geschafft werden, so ist auch das ein Irrweg. 

Über die Kritik an Greta Thunberg, die immer wieder aufkommt sagt Jörg Pilawa: "Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, wie man sich über jemanden wie Greta aufregen kann, ich glaube, die Aufregung kommt auch nur daher, weil wir alle wissen, dass sie recht hat."

Und weiter: Auch von meinen Kindern erwarte ich umweltbewusstes Handeln. "Sie können nicht freitags zur Demo gehen, dann aber samstags mit dem Auto irgendwo hin kutschiert werden wollen, statt das Fahrrad zu nehmen."

Ein Herz für Umkehr!


September: Herzensaufgabe.
Nach 5 Jahren Pause vom Gemeindepfarramt beginne ich am 1. September meinen Dienst in Nellingen. Der Frühstücksgottesdienst im Gemeindehaus am 8. September ist mein erster Gottesdienst hier. Heute ist es der letzte.

Ich bin froh, wieder in meinem Element zu sein. Und da, wo meine Berufung liegt.

Vielen Dank, liebe Gemeinde in Nellingen, dass ich das bei Ihnen wiederentdecken durfte.
Ich habe das Gefühl, dass unsere Herzen einander erreicht haben. 

Oktober: Ein Herz aus Heidelberg.

Am 6. Oktober macht die in Heidelberg geborene Malaika Mihambo einen Riesensatz.

7,30 m Weitsprung. Weltmeisterin. Die 25-jährige sympathische Sportlerin, mit dem Vater aus Sansibar und der Mutter aus Heidelberg, wird mit ihrer scheinbar unbekümmerten Art zur Sympathieträgerin. Im Dezember wird sie Sportlerin des Jahres. Strahlen. 

Das war nicht immer so:
Sie erzählt: "Irgendwann gingen in der Schule die Läuse um und da hieß es, die müssen ja von Malaika kommen. Als sich dann herausstellte, dass ich keine Läuse hatte, hieß es: „Nicht einmal die Läuse wollen zu ihr.“ „Das tat sehr weh" sagt Mihambo. „Diese Erlebnisse haben mir das Gefühl gegeben, als Mensch nicht in Ordnung zu sein, nichts wert zu sein" sagte sie weiter.
„Aber das dann wieder zu erlernen, dass ich in Ordnung bin, egal, wie mich andere sehen oder was sie über mich denken, war ein langer Prozess, mit dem ich heute zufrieden bin." 

Wie gut, dass es Deutsche wie Malaika Mihambo gibt. Auch wenn in diesen Tagen in Deutschland, die AFD traurige Rekordgewinne erzielt und Juden in Deutschland seit dem Anschlag von Halle noch mehr um ihr Leben fürchten müssen. Malaika ist genauso ein Vorname in Deutschland wie Hermann und Margret.


November
Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.

Am 15. November hält Uli Hoeneß seine letzte Rede als Präsident des FC Bayern München.
Lange galt er als der zwar etwas Grobklotzige, aber doch auch großzügige Erfolgsmensch, der gerne und ohne viel Aufhebens auch mal einem Armen unter die Arme griff. Und eine besondere Nähe zu denen pflegte, die es nicht so einfach haben mit sich und dem Leben. Bis er dann im Jahr 2013 der Steuerhinterziehung in Millionenhöhe bezichtigt wurde.
Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott. Und das reitet dich dann. Manchmal eben auch in den Abgrund.
Was folgte ist bekannt. Gefängnis in Landsberg. Hoeneß sagt darüber: „So verrückt es klingt: Auch diese Zeit möchte ich nicht missen. In schweren Stunden erinnere ich mich an die Schicksale, die ich da mitbekommen habe.“ Hoeneß hatte es vergleichsweise einfach mit einem Neustart. Danach.

Und doch steht er dafür, dass jeder Mensch, auch wenn er Fehler gemacht hat, einen Neustart verdient hat.
Auch ein Mensch mit Macken und Brüchen bleibt ein Mensch.
Gott sei Dank!


Zum Schluss:
Dezember: Zum Herzerbarmen.

Am Donnerstag, 9. Dezember, besuchen Manfred Bretschneider und ich den 4-jährigen Youna, der zwei Tage vorher bei einem Ausflug des Kindergartens schwer verletzt wurde.
Was wir sehen geht uns ans Herz. Uns Beiden. Ein 4-jähriger Junge im Katharinenhospital von Schmerzen geplagt. Ein Vater, der weint und nicht verstehen kann, was passiert ist. Aber ans Herz geht auch, dass im Laufe des Gesprächs Nähe entsteht zwischen dem Vater, der aus dem Iran stammt und sich in Deutschland eine heile Welt gewünscht hatte und uns, die wir mit einem mulmigen Gefühl das Zimmer betreten hatten.
Sich berühren lassen von der Situation des anderen, sich stellen dem gegenüber mit seinen Fragen, auch wenn sie unangenehm sind, nicht davonlaufen, sondern Schweres Aushalten und dann auf einmal spüren, wie es doch auch leichter wird, weil etwas dran ist an dem Spruch vom geteilten Leid…

Kennen Sie das?
Und auch, dass es so guttun kann, nicht davonzulaufen vor unangenehmen Situationen, sondern sich zu stellen und zu reden, auch, wenn zunächst viel zwischen einem steht…

Ich hoffe Sie kennen das…

Am 22. Dezember erhalte ich eine WhatsApp von Younas Vater. „Danke für beten“ steht da drin. …
Und dass Youna gerade keine Schmerzen hat.
Gott sei Dank.
Mir fällt ein Stein vom Herzen…

Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.

12 Herzens Geschichten, Herzensangelegenheiten
Ganz unterschiedliche Geschichten waren das und manche Frage mag uns vielleicht tief hinein in unser eigenes Herz, in seine Schmerzen und Freuden, geführt haben. Und eines ist ja auch klar. Wenn die Ausschläge bei unterschiedlichen Menschen und Charakteren auch sehr unterschiedlich sein mögen, das was sich in unserem Herzen in unserem Gefühls- und Seelenleben abspielt, ist nichts Gleichförmiges. Da gibt es Hochs und Tiefs, Ups and Downs, da gibt es, manchmal sogar jahreszeitlich, oft aber lebensgeschichtlich bedingt Zeiten, in denen man die Welt umarmen und solche, wo man am liebsten davonlaufen würde. 

Das war wahrscheinlich bei den allermeisten Ereignissen im Jahr 2019 so und wird auch 2020 nicht grundlegend anders werden. Wäre ja auch irgendwie schade. Denn so ist das Leben. Und so sind wir Menschen. 

Ich glaube nicht, dass der Verfasser des Hebräerbriefs uns Christen zu grauen Gefühlslangweilern machen will, wenn er schreibt:
Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.
Nein, ihm geht es darum, dass wir in all diesem rauf und runter, einen Anker so nötig haben, einen Halt, dass wir nicht hoffnungslos uns selbst ausgeliefert sind. 

Oder um es noch einmal mit Matthias Claudius zu sagen:
„Etwas Festes muss der Mensch haben, daran er zu Anker liege, etwas, das nicht von ihm abhange, sondern davon er abhängt.“

Amen.

Predigttext von Pfarrer Peter Brändle zum Altjahrabend "Ein herzlicher Rückblick auf das Jahr 2019"

Predigt zur Christvesper 24.12.2019 von Pfarrer Peter Brändle

Was fehlt?

Predigt in der Christvesper 24.12.2019 in St. Blasius, Pfarrer Peter Brändle, Weilheim

Bethlehem, Heilige Nacht, 19.30 Uhr
„Ihr henn mir grad no gfehlt….“

So, liebe Gemeinde, die möglichen Worte der neben König Herodes vielleicht unbeliebtesten und vielleicht auch unsympathischsten Gestalt traditioneller Weihnachtskrippenspiele. Die Rede ist von dem Bethlehemer Wirt, der zusammen mit anderen hinter den Worten steht. „Sie hatten keinen Raum in der Herberge“.

„Ihr henn mir grad no gfehlt…“

Schließlich war diese Volkszählung für Gasthäuser und Herbergen vielleicht das Geschäft ihres Lebens, denn aufgrund der Anordnung von Kaiser Augustus höchstpersönlich war die halbe damalige Welt unterwegs, um sich zählen zu lassen und deshalb auch auf Quartiersuche.

Aber:
  * Unangemeldet
  * Ohne Reservierung
  * Und vielleicht auch ohne das nötige Kleingeld. 2 junge ziemlich abgerissene Leute vor der Tür.

Nein, das passt nicht….

„Kochen für die Gäste, Zimmer herrichten, für die die sich aus Ägypten angemeldet haben, einheizen, Fleisch nachbestellen, Wein holen, Kamelfutter besorgen…
Und jetzt auch noch ihr.
Nein, Schluss aus, irgendwann reicht‘s und wenn nichts rausspringt für mich, dann sowieso… ich muss auch mal mich denken…

Ihr henn mir grad no gfehlt…“

Liebe Gemeinde
Irgendwie kommt mir das bekannt vor:
  Ungebetene Gäste,
  ihr henn mir grad no gefehlt.

Der Anruf Samstagabends beim Tatort…
Die Krankheit der Kinder, obwohl doch alles so gut geplant war.

  „Herr Pfarrer dädet se nett…“
 
  Ihr henn mir grad no gefehlt…

Vor allem Menschen, die ein Konzept haben, was ja grundsätzlich nichts Schlechtes ist, lassen sich nicht gern aus diesem bringen. Manchmal allerdings kann das sehr heilsam sein, aus dem Konzept gebracht zu werden, vor allem, wenn es Liebe ist, die sich als Unruheherd erweist.

Instrumental I: „Wer klopfet an?“

Bethlehem, Heilige Nacht, 22.30 Uhr
„Geschafft!“ sagt der Wirt: Essen gekocht, Fleisch geholt, Kamele versorgt, Zimmer hergerichtet, Gäste eingewiesen…

Jetzt noch ein Stündchen den Feierabend genießen:
Ein bisschen müsste doch noch da sein vom Lammrücken und dem guten Wein.

Früher haben sie das öfter gemacht. Er und seine Frau. Schön war das. Auch wenn der Wein viel billiger war und das Fleisch lange nicht so zart.

Heute fehlt ihm was.
Auch, dass seine Frau extra für ihn sich noch mal umgezogen hat, kann seine Stimmung nicht entscheidend verbessern…

Alles erledigt, alle Wünsche erfüllt vorläufig alles erreicht. Und doch so leer.

Über die Tränen, die ihm in die Augen schießen, erschrickt er.

„Traurig?“ Fragt ihn seine Frau.
„Nein, irgendwie hab‘ ich was in die Augen gekriegt.“

Sie nickt vielsagend.
„Ich muss noch mal kurz runter“ sagt sie zu ihm!
(Dass sie dem jungen Paar das da vor der Tür war, doch noch Platz gemacht hat hinten, ganz hinten im Stall, weil ihr die hochschwangere Frau das Herz gebrochen hat und sie jetzt nochmal nach den beiden schauen will, ob vielleicht das Kind schon… Soll Sie’s ihm sagen??? …. Nein, das verrät sie ihm nicht.)

„Kommst du mit?“
„Nein“ sagt er „wenigstens eine halbe Stunde darf ich mich doch auch mal hin setzen…“

Traurig geht sie. Alleine.

Und er bleibt sitzen.
Auch traurig, auch alleine.

So reich und doch so arm.

Was fehlt ihm eigentlich?

Diese Frage zu stellen erfordert Mut?
Da könnte so manches ins Wanken kommen im wohlüberlegten Lebenskonzept.

Was fehlt mir?

Ganz unterschiedlich können die Antworten ausfallen.
Ist es bei dem einen Freizeit und Freiraum, ist es bei anderen, das Gefühl, irgendwie und irgendwo gebraucht zu werden.

Was fehlt?
Sind es bei 60 % der Weltbevölkerung die elementarsten Dinge, die nicht da sind, so ist es bei Teilen unserer Gesellschaft die Fähigkeit, so miteinander umzugehen, dass Wärme entsteht.

Ist es bei der Hartz-IV-Familie schlicht und ergreifend die Not, ist es bei dem15-jährigen mit den Markenklamotten eine Lehrerin, die ihn endlich mal versteht.

Was fehlt mir?
Wenn wir uns ihr alleine stellen, dieser Frage, dann kann sie auch ganz schön zerstörerische Kraft entwickeln.
Manche Midlife-Crisis hat in ihr ihren Ursprung und nicht nur eine Ehe ist an ihr schon zerbrochen.


Was fehlt mir?
Grad deshalb, grade, weil die Frage so gefährlich ist, ist es so wichtig, an den richtigen Stellen nach der Antwort zu suchen…

Instrumental II: „Wer klopfet an?“

Bethlehem, Heilige Nacht, 23.30 Uhr
„Ist ja mal wieder typisch“ denkt sich der Wirt
„Ich geh noch mal runter, nur kurz“ hatte seine Frau gesagt, „bin gleich wieder da…“
Schon über eine Stunde ist vergangen.
Das macht ihn wahnsinnig.
Ziemlich geladen geht er dann doch auch runter.
Zunächst sieht er gar nichts.
Dann kommen ihm ein paar Hirten entgegen. Dunkle Gestalten. Aber mit einem Strahlen im Gesicht, wie er es noch nie gesehen hatte.
„Schau da hinten.  Da in dem Stall.“
„Was? In meinem Stall, da wo Ochs und Esel ihr Gnadenbrot kriegen, da wo ich schon seit Jahren nicht mehr aufgeräumt hab.“
„Da?“
Noch immer wütend folgt er dem Licht, das er da sieht und das doch um dies Zeit nicht mehr brennen dürfte.
Voll peinlich, dass die anderen jetzt seine Rumpelkammer sehen.
Doch als er ankommt, ist ihm auf einmal nichts mehr peinlich.
Das Licht im Stall ist nicht kalt und unbarmherzig.
Nein es ist zwar hell, richtig hell, aber warm. Liebevoll.
In diesem Licht ist selbst die Unordnung, die da immer noch ist, vollkommen in Ordnung.
Und selbst Ochs und Esel, diese sonst so jämmerlichen Gestalten, sehen aus als erlebten sie ihren dritten Frühling.
Und das alles, weil in seiner alten, 5-mal geflickten Futterkrippe ein Kind liegt, das alles erleuchtet.
Dahinter die zwei, die er fortgeschickt hatte.

Und vor der Krippe seine Frau. Kniend.
Jetzt weiß er, warum sie so lange wegblieb.
Und auf einmal versteht er. Da kann man nicht anders, da muss man bleiben.
Und als er sieht, dass da noch ein Plätzchen frei ist, tut er etwas, was er noch nie, noch gar nie gemacht hat. Auf die Knie gehen vor einem Kind.

Und dann war da auf einmal so viel Raum in der Herberge.
Für alles, was ihm fehlte, für alles, was er schon so lange mal loswerden wollte.
Für all seine Fragen und Zweifel und das, was ihm so schwer auf der Seele lag.
Aber nicht nur dafür.
Auch für den Dank und das Staunen.
- dass seine Frau, ohne ihn zu fragen….
- dass er ihr doch noch, wenn auch zuerst wütend, hinterhergegangen ist…..
- dass dieses Kind grade bei ihm, in diesem so jämmerlichen Stall…

Grade bei ihm!
Grade bei uns!

Instrumental III: „Wer klopfet an?“

Nellingen, Heiliger Abend, 22.30 Uhr
Grade bei uns!

Grade bei dir. In seiner Gegenwart verliert die Frage: „Was fehlt mir?“ ihre zuweilen so zerstörerische Kraft.
In seiner Gegenwart sehe ich, dass das Entscheidende für mich und mein Leben da ist.
Einer, er mich liebt und alles auf sich nimmt, um mir nahe zu sein. Einer, der sich von nichts abschrecken lässt. Nicht mal von meinem: „Du hast mir grad no gfehlt.“

Einer, für den selbst ich zur Krippe werden darf.

Wo das geschieht, kann ich leben, auch mit manchem, was mir fehlt.
Wenn er da ist, kann ich mein Leben mit all seinen Brüchen anschauen und ja sagen.
Wenn er da ist, darf ich zwar manches, aber eben nicht alles von mir und meiner Frau und meinen Kindern und meinen Mitarbeitern und meiner Gesundheit und und und…erwarten.
Wenn er da ist…:

Mein Leben, ein Fragment, aber in Ordnung.

Ein letztes Mal Bethlehem, Heilige Nacht. Jetzt 2.30 Uhr
Gerade sind der Wirt und seine Frau in ihr Wohnhaus zurückgekommen.
Der Wein schmeckt auf einmal um Klassen besser.
„Schönes Kleid hast du an.“ sagt er zu ihr.
„Ist doch ganz dreckig jetzt, vom Stall und vom Kind…“ sagt sie
„Grade deshalb.“ sagt er.
„Und du riechst gut.“ sagt sie
„Nach Stall.“ sagt er.
„Ja“ sagt sie „oder besser: Nach dem, der uns gefehlt hat.“

Amen.

Predigttext zur Christvesper 24.12.2019 von Pfarrer Peter Brändle

Predigt von Pfarrer Brändle zum 3. Advent 2019

Predigt von Pfarrer Peter Brändle, am 3. Advent, 15. Dezember 2019 zur Offenbarung 3, 1-6 (in Auszügen) 

Helle Aufregung im Bischofsbüro in der Gänsheidestraße in Stuttgart.
Das hat gerade noch gefehlt.
Ein Engel hat sich angekündigt.
Und das kurz vor Weihnachten.
Der müsste doch eigentlich wissen, dass das die schlechteste Zeit im Jahr ist.
Aber natürlich ist  nicht nur dem Bischof klar, dass es einen ganz schlechten Eindruck machen würde, wenn man hier keinen Termin anbieten könnte.
Und so wird hektisch noch ein Programm zusammengestellt für den Engelbesuch im Schwabenland.
Der Samstag vor dem 4. Advent wird ins Auge gefasst. 

Und das soll der Engel sehen:

   - 15.30 Uhr:
Besuch der Christusgemeinde im Remstal, die in diesem Jahr vom Verband christlicher Unternehmer mit dem Gemeindeaufbaupreis  ausgezeichnet wurde. U.a. weil sie an Heiligabend Gottesdienste für alle Altersstufen und Milieus anbietet.

   - Dann 17.30 Uhr zurück nach Stuttgart. Weihnachtsoratorium Teil I in der Stiftskirche mit der Gächinger Kantorei.

   - 19 Uhr Nikolausfeier im ebenfalls preisgekrönten Haus der Familie. 

   - Ab 20.30 Uhr, Zum Ausklang: Bummel auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt.

So könnte der Engel einen Eindruck kriegen wie vorbildlich Weihnachten in Württemberg gefeiert wird. 

Am angekündigten Tag der Erscheinung des Engels herrscht zunächst Verwirrung im Gebäude der Kirchenleitung.

Der Engel im weißen Gewand, aber erstaunlicherweise schwarzer Hautfarbe wird von der Dame an der Pforte zunächst in die Abteilung Mission und Ökumene/ Brot für die Welt geschickt, bevor er dann doch zum Bischof vorgelassen wird.
Nach der obligatorischen Brezel zur Begrüßung, die wie immer etwas trocken schmeckt  und einer Tasse Kaffee geht es hinaus in die schwäbische Weihnacht..
Der Engel darf  Mercedes fahren und sitzt im Fonds des Bischofsautos. Sterne  ist er ja gewohnt.
Im Remstal angekommen werden Bischof und Engel vom Sacro Pop Ensemble „Himmelssturm“ der Christus Gemeinde empfangen: „May the Lord send Angels“ - wie passend.
Danach stellt Pfarrer Allzeit dem himmlischen Gast sein Heiligabendprogramm vor. Natürlich per Power Point – mit Musik unterlegt.

10 Uhr Heiligmorgen: Weißwurstfrühstück auf dem Marktplatz mit Kurzbotschaft für die Kirchenfernen.

- 12 Uhr Gottesdienst für Schwangere mit Atemübungen – Maria  als Gebärende
- 14 Uhr Bei Ochs und Esel zu Gast – Gottesdienst für die Kleinsten, im Schafstall bei Bio Bauer Maier
- 15.30 Uhr Weihnachtsmusical der Teenies. Titel: „Ein Star wird  geboren“
- 17 Uhr Remstal Brass meets Christmas – Christvesper mit dem Posaunenchor
- 19 Uhr Back to the Roots - Lesung  der Weihnachtsgeschichte im griechischen Urtext für die humanistisch Gebildeten

- 20 Uhr Feierabendmahl für die Einsamen  inklusive Bescherung durch die Diakonische Bezirksstelle.
- 21.30 Uhr Heimat in der Fremde – das Christuskind in der Lyrik des 20. Jahrhunderts. Pfarrer Allzeit rezitiert Kantorin Frisch musiziert.
- 22.30 Uhr Christmette mit dem Chor und anschließendem Sektempfang.

Am Ende seiner Präsentation lächelt Pfarrer Allzeit. „Ja, so machen wir das. Und  erreichen auf diesem Wege ca.  80 % unserer Gemeindeglieder.“

„Wenn wir nur mehr Kollegen von diesem Schlag hätten“ sagt der Bischof. 
Das Lob seines Oberhirten macht Pfarrer Allzeit etwas verlegen.

Dass der Engel während der Präsentation von „Back to the roots“ die Kirche verlassen hat, hat keiner bemerkt. 

Er streichelt draußen die Katze von Familie Allzeit. In der Vorweihnachtszeit hat die nichts zu lachen. Fürs Katze füttern ist nämlich der Herr Pfarrer persönlich zuständig.  Doch dazu kommt er in diesen Tagen zu wenig. Zum Glück gibt’s die türkische Nachbarin, die  das stillschweigend übernimmt. 

Zum Abschied sagt der Engel zu Pfarrer Allzeit: Schöne Krippe haben Sie. Und da knien alle vor dem Kind. Hirten und Könige, Forscher und Kinder, Männer und Frauen, einfach alle. Miteinander und nicht nacheinander.
Entschuldigend sagt Pfarrer Allzeit: "Ach da wünschen wir uns schon lange was  neues, mit LED-Technik und  sich bewegenden Figuren."
 
„Nicht nötig“ sagt der Engel.

Als der hohe Besuch weg ist, seufzt Pfarrer Allzeit: "Gott sei Dank- die hatten mir grade  noch gefehlt".

Ich  muss doch die Bildbetrachtung für die Senioren noch vorbereiten. Thema: Der überraschende Besuch des Engels bei Maria.

Bibeltext :
1. "Schreibe an den Engel der Gemeinde in Sardes: Der, bei dem die sieben Geister Gottes sind und der die sieben Sterne in seiner Hand hält, lässt ´der Gemeinde` sagen: Ich weiß, wie du lebst und was du tust. Du stehst im Ruf, eine lebendige Gemeinde zu sein, aber in Wirklichkeit bist du tot. 

2. Wach auf und stärke, was noch am Leben ist, damit es nicht auch stirbt!".

Das Besuchsprogramm geht weiter:

17.30 Uhr Stiftskirche Stuttgart.
Weihnachtsoratorium. Teil I Gächinger Kantorei. Sie kommen  ein bisschen zu spät. Trotzdem müssen Bischof und Engel die Sitzplätze in der ersten Reihe einnehmen, die sind schließlich reserviert.
Als  sie sitzen  erklingt die Alt Arie: "Bereite dich Zion." 
Wunderschöne Stimme. So sauber.
Perfekter kann man/ frau das wohl kaum  singen. „Wie im Himmel“ flüstert der Bischof dem Engel zu.
Der allerdings schüttelt lächelnd den Kopf. "Im Himmel klingt’s  nicht ganz so perfekt - aber dafür ein bisschen wärmer."

Als es  nach dem Konzert noch einen Stehempfang gibt, steht der Engel zufällig neben der Alt-Solistin und sieht wie die sich mit dem landeskirchlichen Sekt ein paar Beruhigungspillen einwirft.
„Ohne die dreh ich durch“ sagt sei zu ihrem Bass-Kollegen, zu dem sie wenigstens ein bisschen Vertrauen hat. 

Bibeltext: 
2. Wach auf und stärke, was noch am Leben ist, damit es nicht auch stirbt!.

19 Uhr: Nikolausfeier im ebenfalls preisgekrönten Haus der Familie
Der Nikolaus kommt. Im richtigen Bischofsgewand. Keine rot-weiße Coca-Cola Witzfigur mit Blinkmütze. Nein mit Stil, darauf wird wert gelegt.
Und er erzählt die so eindrückliche Geschichte vom Bischof Nikolaus  aus Myra, der die armen Kinder versorgt hat. Artig nehmen die  wohlerzogenen Kinder, die hauptsächlich aus der Stuttgarter Mittel- und Oberschicht stammen eine Mandarine und ein paar Erdnüsse als Geschenk aus dem Sack des Nikolaus.
Der Engel ist gerührt.
 
Doch als die Feier zu Ende ist und er kurz aufs Klo muss – das müssen Engel  die auf Erden kommen doch auch -  da traut er seinen Augen nicht:
Die Mülleimer im preisgekrönten Haus der Familie quellen über. Mandarinen und Nüsse. Und er hört wie eines der so wohlerzogenen Kinder zu seiner Mutter sagt: "Nicht mal ein richtiges Geschenkt hat uns der Nikolaus gebracht, da geh ich nächstes Mal nicht mehr hin." 

Bibeltext: 
Erinnerst du dich nicht, wie bereitwillig du das Evangelium aufnahmst und auf seine Botschaft hörtest? Richte dich wieder nach ´meinem Wort` und kehre um! Wenn du jedoch weiterhin schläfst, werde ich dich wie ein Dieb überraschen und zu einem Zeitpunkt kommen, an dem du nicht mit mir rechnest.

20.30 Uhr Letzter Programmpunkt: Stuttgarter Weihnachtsmarkt
Der Engel friert. Obwohl es in Stuttgart für die Jahreszeit eigentlich viel zu warm ist. 11 Grad zeigt das  digitale  Thermometer am Rathaus an. Doch dem Engel ist trotzdem kalt. Von innen raus..
Der Bischof lädt ihn am Stand der Evangelischen Gesellschaft zu einem Solidaritätspunsch ein. Natürlich ohne Alkohol. Man will ja Zeichen setzen: Erlös: Für die Vesperkirche.
Der Engel trinkt ihn artig obwohl er lieber einen Glühwein genommen hätte.

Als der Bischof nur ganz kurz mit der Diakoniepfarrerin spricht nutzt er die  Gelegenheit und macht sich aus dem Staub.  Es friert ihn immer noch. Trotz Solidaritätspunsch.
Auf eigene Faust beginnt er nach Wärme zu suchen auf dieser kalten Erde. Und irgendwie weiß er, dass er sie finden wird. Er hat da so ein Gefühl.
Eine ganze Weile  lässt er sich durch die Innenstadt treiben.
Den Weihnachtsmarkt hat er irgendwann hinter sich. Es  zieht ihn in Richtung Leonhardskirche im Bohnenviertel.
Weil  er nicht über die Straße fliegen will, nimmt er die Unterführung. .
Schon auf der Rolltreppe wird es ihm wärmer. Da unten in der Unterführung singt einer. Und wie der singt:
„ But I still haven‘ found, what I’m looking for - ich hab noch nicht gefunden, was ich suche" – U2.
Dem, der da  singt nimmt man das ab. Ein bisschen fertig sieht er aus. Wie wenn er nicht immer wüsste, wo er sich nachts zum Schlafen hinlegen soll. Er hat schon viel verloren in seinem Leben.
Aber die Sehnsucht nicht. Die Sehnsucht nach Wärme und Liebe und Menschen, bei denen er sich zuhause fühlt, und sein kann, so wie er ist.

Als der abgerissene Sänger noch weiter singt, wird dem Engel noch wärmer:
Bruce Springsteen: "Everybody’s got a hungry heart. Jeder hat Sehnsucht im Herzen." 
"Warte kurz" sagt der Engel, "bin gleich wieder da." Mit zwei Glühwein kommt er zurück. Durch die Unterführung klingt noch immer: "Everybody’s got a hungry heart. – Jeder hat Sehnsucht im Herzen." 
"Weißt du eigentlich" fragt der Engel den Sänger, "dass das ein modernes Adventslied ist:
Vor 400 Jahren bei Friedrich Spee hieß das: O Heiland reiß die Himmel auf. Wo bleibst du Trost der ganzen Welt…?"

Hört sich anders an, aber die Sehnsucht ist dieselbe.

„Mit dem Himmel hab ich’s nicht so“ sagt der Sänger. „Letztendlich muss  doch jeder alles selbst auf die Reihe kriegen. Und ob ich das jemals schaffe, daran hab ich so meine Zweifel…“

Der Engel schweigt und lächelt.

Nach einer Weile beginnt er, eine Geschichte zu erzählen:
Ein Mensch bekommt einen Brief: „Ich komme bald. Gott." Der Mensch bekommt einen gehörigen Schrecken: Gott kommt zu Besuch. Aber wie sieht sein Haus aus? Chaos vom Keller bis zum Dachboden. So kann er Gott doch unmöglich empfangen. „Ich muss erst aufräumen," denkt er. „Aber alleine schaffe ich das nicht." Er ruft Freunde und Bekannte an, klingelt bei den Nachbarn. Keiner hat Zeit. Da fängt er alleine an. Räumt auf, wischt Staub. Irgendwann merkt er - da ist doch noch jemand gekommen, um ihn zu helfen. Die beiden stellen Sperrmüll auf die Straße. „Das schaffen wir nie," sagt er zum andern und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Dann wird es Abend. Und die beiden haben es geschafft. Das Haus glänzt, der Tisch ist gedeckt. Die beiden sitzen zusammen. „So, jetzt kann Gott kommen," sagt der Mensch zu dem, der ihm die ganze Zeit geholfen hat. Der antwortet: „Aber - ich bin doch schon da!"

Nach kurzem Schweigen sagt der Sänger zu dem Engel: "Die Geschichte gefällt mir. Und wenn du willst darfst du dir ein Lied wünschen, das sing ich für dich."
Der Engel freut sich. "Ja, ich hab einen Wunsch: „Tears in heaven“, von Eric Clapton. Und ich wünsch mir, dass du das singst für alle Eltern, die in Sorge sind um ihre Kinder und für alle Kinder, die Angst haben und Schmerzen. Denn weißt du, deren Namen, die kennen wir im Himmel… "

Lied einspielen
Jetzt gibt es Frieden, ich bin sicher.
Und ich weiß, es wird keine
Tränen mehr geben im Himmel….

Soweit Eric Clapton
Jetzt noch einmal die Johannesoffenbarung:
 
Bibeltext
ich werde seinen Namen nicht aus dem Buch des Lebens streichen, sondern mich vor meinem Vater und seinen Engeln zu ihm bekennen.


Als der Engel eine Stunde  später noch immer mit dem Sänger spricht, steht plötzlich der Bischof ganz aufgeregt hinter ihm.
Wo waren Sie denn?. Ich hab Sie an allen christlichen Ständen gesucht und nicht gefunden.
Und außerdem: es ist schon nach 10.
So lange  war ihr Besuch hier doch gar nicht geplant und vorher hat Sie’s doch noch so gefroren. Ich hab ihnen extra warme Socken gekauft beim Stand der Evangelischen Frauenarbeit.
„Nicht mehr nötig“ sagt der Engel: „Mir ist schon warm - Und manchmal, wenn ich Menschen treffe, die Sehnsucht im Herzen tragen und  mehr Fragen als Antworten haben, dann bleib ich gerne ein bisschen länger..
Und jetzt trink ich noch was warmes mit der Altistin  vom Weihnachtsoratorium, die hab ich vorhin getroffen mit einer riesigen Zuckerwatte. Und da haben wir das ausgemacht.
Aber keine Sorge Herr Bischof, gehen Sie nur ins Bett. Ich komm schon nach Hause.

Mit einem Lied auf den Lippen nähert sich der Engel der   der Altistin.
Tears in heaven “ geht in seinem Gesang  direkt über in die 4. Strophe von „Wie soll ich dich empfangen“: „Ich lag in schweren Banden, du kommst und machst mich los, ich stand in Spott und Schanden, du kommst und machst mich groß….“

Nach der Begegnung mit dem Engel geht die Altistin nach Mitternacht nach Hause. Nach  einem Glühwein und ein paar Zigaretten ( sie wusste gar nicht, dass auch Engel manchmal rauchen)  wird ihre Solo- Arie morgen im Ulmer Münster anders klingen. Weniger perfekt. Und doch mehr nach Himmel.

Amen.

Predigttext von Pfarrer Peter Brändle zum 3. Advent 2019

Predigt von Pfarrer Marten Bernick zum 2. Advent 2019

Predigt am Sonntag, 2. Advent 2019 08. Dezember 2019;
Evangelische St.-Blasius Kirche Ostfildern-Nellingen
Pfarrer Marten Bernick  
 
„…dein Reich komme.“
 
Liebe Gemeinde, 

das Klima scheint vergiftet. Zum einen das Weltklima. Das Klima: Vergiftet und verpestet durch Abgase durch Industrie und Individualverkehr. Und wenn ich mich umgucke, dann fällt mir auf: Auch unser Umgang damit scheint auch unser Klima untereinander zu verpesten.  
Die radikale Umweltbewegung „Extinction Rebellion“ fordert von den Industriestaaten, den vermeintlich „ökologischen Raubbau“ sofort zu beenden. Unsicherheit herrscht unter uns: „Wie sollen wir uns richtig verhalten?“, und die Frage: „Was kommt da auf uns zu?“, höre ich immer wieder.  
Menschen stehen in Angst. Angst, weil sie sich selbst von dem Vorwurf getroffen fühlen, den vermeintlichen Klimanotstand verursacht zu haben. Die Welt stehe unmittelbar vor ihrem Ende. Wer jetzt nicht aktiv wird, trage Mitschuld am Untergang. Da bekommen Menschen Angst.  
Und mir scheint, dass Angst kein guter Ratgeber ist. Nicht in diesen Tagen. Und auch sonst nicht.  
 
1. Das Ende deutet den neuen Anfang 

Im Gottesdienst mit Prof. Wilfried Härle Anfang November haben wir von Gottes großartiger Verheißung an Noah gehört: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1. Mose 8,22). Der Regenbogen ist seitdem Gottes Zeichen dafür, dass der vitale Rhythmus unserer Erde nicht aufhört, solange sie steht. Solange sie steht. Das deutete schon an: Da wird eine Zeit kommen, da bricht die Abfolge des Weltrhythmus tatsächlich zusammen. Unser Predigttext mutet uns heute den Blick auf das Ende dieser Welt zu. Und doch ist es mehr als die Rede vom Ende: Der zweite Advent deutet den Anfang von Gottes neuer Welt:  
 
Predigttext: Lukas 21,25-33 (größtenteils nach der BasisBibel)  
[Und Jesus sagte:] »Zeichen werden zu sehen sein an der Sonne, dem Mond und den Sternen. Auf der Erde werden die Heiden zittern und nicht mehr aus noch ein wissen vor dem tosenden Meer und seinen Wellen. Die Menschen vergehen vor Angst, während sie auf das warten, was über die ganze Welt hereinbrechen wird.

Denn sogar die Ordnung des Himmels wird erschüttert werden. Dann werden alle es sehen: Der Menschensohn kommt auf den Wolken mit großer Macht und Herrlichkeit. Aber ihr sollt euch aufrichten und euren Kopf heben, wenn das alles beginnt. Denn eure Rettung kommt bald!«
Dann erzählte Jesus den Leuten ein Gleichnis: »Schaut euch doch den Feigenbaum an: Wenn ihr seht, dass er Blätter bekommt, dann wisst ihr: Der Sommer ist bald da. So ist es auch mit euch: Wenn ihr seht, dass das alles geschieht, dann wisst ihr: Das Reich Gottes ist nahe.
Amen, das sage ich euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bevor dies alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht.«
Wenn „die Ordnung des Himmels erschüttert“ wird, dann deutet das an, dass da wirklich einmal alles durcheinandergeraten wird. Es ist nicht nur das Miteinander zwischen uns Menschen, sondern auch die Ordnungen der Natur: Sie versinken im Chaos.  
Für alle, die ihre Sicherheit auf die Sicherheit der Verhältnisse dieser Welt gesetzt haben, ist das tragisch. Denn wenn Himmel und Erde vergehen, dann vergehen auch ihre Sicherheiten. Sie haben auf Sand gebaut. Mit angsterfülltem Blick schauen sie das Ende. Das, worauf sie gebaut haben, ist ins Wanken geraten und droht unmittelbar zusammenzubrechen.  
 
Doch es gibt noch die andere Perspektive. Den zweiten Blick. Den Blick für alle, die heute den zweiten Advent feiern. Da sind noch die anderen, Sie und ich. Das Chaos der Apokalypse, das Krachen des Zusammenbruchs klingt in unseren Ohren wie die guten trommelnden Schritte der „Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, […] wenn der Herr nach Zion zurückkehrt.“ (Jesaja 52,7+8).  
 
Das ist der zweite Advent, wenn der Menschensohn „mit Kraft und großer Herrlichkeit“ (Lk 21,27) zurückkehrt.  Dann wird endlich, endlich sichtbar, was wir am Ende des Vaterunsers bekennen: „dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit“.
Die Welt bricht chaotisch zusammen, weltliche Ordnungen zerfließen – und dann, dann kommt der Menschensohn in seiner göttlichen Herrlichkeit. Das ist der Zielpunkt der Apokalypse.  
Müssen wir uns das heute antun? Ist das sinnvoll, dass wir heute über die Apokalypse reden? In diesen Tagen, in denen Punsch, Plätzchen und friedfertiges Miteinander unser Leben prägen. Ja, wir reden heute davon.  
Und nicht, um uns darüber zu freuen, dass die Welt zum Ende kommt. Sondern, weil die alten Ordnungen vergehen, weil sich eine neue, stärkere Ordnung durchsetzt.  
 
Denn dort, wo der Heidenwelt der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Dort, wo der Himmel einstürzt, verlieren diejenigen nicht den Halt, die sich auf Jesus und seine Worte verlassen.  
Noch viel mehr: Es wird so kommen, weil der zweite Advent davon spricht, dass es einen ewigkeitlichen zweiten Advent geben wird.  
Menschen, die nichts von Gott wissen, die sehen nur Chaos, nur Elend, nur Untergang.  
Doch wir sehen heute mehr. Wir kommen vom zweiten Advent her, der hat uns schon eingestimmt. Durch das Elend hindurch sehen wir Gottes Handeln und wir wissen: Jetzt kommt unsere Erlösung. Jetzt beginnt der Sommer.  
 
2. Der Sommer kommt, wenn Jesus kommt

Der Predigttext spricht im Gleichnis vom Feigenbaum, dem alten Symbol für Gottes Volk. Als einziger Baum Israels verliert der Feigenbaum im Herbst seine Blätter, um im Frühling neu auszuschlagen.  Die neuen Triebe im Frühling deuten an, dass der Sommer bald kommt. Und Jesus zeigt damit: Auf den Tod folgt auf geheimnisvolle Weise neues Leben. Es gibt für Dein Leben einen zweiten Advent.  
 
Man könnte auch sagen: Der Sommer wirft seine Schatten voraus. So wie die Schatten einer Person auf die Person hindeuten, die Person aber selber nie sind, so wirft die Apokalypse Schatten voraus, die auf mehr deuten.  Die Schatten deuten eine Wirklichkeit – sie deuten an, dass Jesus wirklich kommt.  
Und alles Chaos, alle Unruhe, alle Not soll uns nicht nach unten ziehen. Sondern Mut machen, damit wir den Kopf nicht hängen lassen:  
 
Seit Ostern dürfen wir wissen: Da kommt neues Leben für uns, wenn wir uns auf Christus verlassen. Und am zweiten Advent reißt uns Lukas in seinem Evangelium für einen kurzen Augenblick den Himmel auf. Er nimmt uns an die Hand und hilft uns, durch den Horizont zu blicken. Glauben bedeutet, durch den Horizont hindurchzugucken. Denn als Christen wissen wir: Nach dem Chaos kommt die Freude.  
Der Text steht bei Lukas kurz vor den Passionsberichten und Jesu Kreuzigung und Auferstehung.  Dort, wo alle einen gescheiterten Pseudomessias sehen, der unter der Geißel der römischen Soldaten Schlag um Schlag zu Boden geht, da baut Jesus sein Reich. Genauso später in der Apokalypse.  
Dort, wo Menschen nur noch Verzweiflung, Chaos, Katastrophe und Ende sehen: Genau da wird für uns, für Christinnen und Christen Gottes neue Welt eingeläutet. Nach dem Winter kommt der Sommer. Oder besser: Nach dem Chaos kommt die Freude.  

Wer von uns auf dem Weihnachtsmarkt in Esslingen war, der hat vielleicht miterlebt, wie da konsumiert wird: Es wird konsumiert, als gäbe es kein Morgen mehr.  
Und der Mann aus Nazareth erinnert uns heute daran, dass es eines Tages wirklich kein Morgen mehr geben wird. Am zweiten Advent geht es um die neue Zukunft. Jesus lenkt hier unseren Blick ganz klar nach vorne. Er ruft uns zu: „Bereitet euch vor! Denn ich, der Menschensohn, werde kommen.“
 
3. Nach dem Chaos kommt die Freude  
 
Deshalb kommt nach dem Chaos die Freude: Jesus kommt jetzt im Advent. Und Jesus wird ein zweites Mal kommen. An seinem zweiten Advent wird er uns ganz frei machen.  Er macht uns frei von allen Kräften, die uns abhalten von der Gemeinschaft mit ihm. Jesus macht uns frei von Abhängigkeiten, die unseren Blick von ihm ferngehalten haben. Er macht uns frei von Unterdrückung und frei von Überheblichkeit.  
Falsche Gewohnheiten nimmt er uns und auch die verführerischen Gedanken.  
Dann stimmen wir ehrlich ein: „…dein Wille geschehe“. Dieser Wunsch ist dann keine Last mehr, sondern Lust. Endlich Sommer, wenn Jesus da ist. Der Sommer seiner Gnade.  
 
„Wo du sprichst, da muss zergehen, / was der starre Frost gebaut; / denn in deines Geistes Wehen / wird es linde, schmilzt und taut. / Herr, tu auf des Wortes Tür, / rufe, Heiland, laut zu dir.“ (Ewald Rudolf Stier, 1827, EG 592).
Oder in den knappen Worten des Vaterunsers: „…dein Reich komme.“
 
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

AMEN!

Predigttext zum 2. Advent als PDF-Datei

Predigt zum 1. Advent 2019

„Ha gugg au do na“ – Predigt am 1. Advent 2019 über Lukas 1, 48: 
„Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.“
Gehalten von Pfarrer Peter Brändle in der St. Blasius Kirche in Nellingen

Die Predigt bezieht sich auf ein im Gottesdienst präsentiertes kleines Theaterstück und eine Präsentation, die hier zu finden ist: www.brot-fuer-die-welt.de/projekte/material/indien-unberuehrbare/

I.  „Ha gugg au do na…“
„Ha gugg au do nah, jetzt isch des jonge Deng schwanger drbeih isch se no ett amol verheiratet.
Ond woisch was, d Leit saget, dass des Kend ett amol von dem Josef sei soll.
Also wenn de  mih frogsch, an dem Josef seira Stell dät i gugga dass i so schnell wiea fortkomm, des darf sich onserm Zemmermah sei Jonger ett bieata lassa…“

Liebe Gemeinde,

ich möchte nicht behaupten, dass in Marias Heimatstadt Nazareth schwäbisch gesprochen wurde. Und auch nicht, dass Maria und Liesel dort auf dem Bänkle saßen.
Was ich allerdings schon zu behaupten wage ist, dass der Maria damals der Wind ziemlich heftig ins Gesicht blies und sie sich so manchen bösen Kommentar, so manchen abschätzigen Blick und vor allem ziemlich viel Getuschel hinter ihrem Rücken anhören musste…

Zwischen 14 und 16 Jahren, so schätzt man, dürfte Maria gewesen sein, damals. Und wenn Frauen zurzeit Jesu auch früher Kinder bekamen und geheiratet haben.

Eine ungewollte Schwangerschaft ohne Sicherheit und einen eindeutigen Vater, das war ganz sicher auch damals kein Zuckerschlecken.

Und vielleicht kann sich der eine oder die andere ja so ein bisschen hineinversetzen, wie sich das  anfühlt, wenn man das Gefühl hat, angeglotzt zu werden, wie das ist, wenn Mann/ Frau spürt, dass sich die Menschen hinter dem eigenen Rücken das Maul zerreißen….
Das muss gar keine ungewollte Schwangerschaft sein.

Aber vielleicht die Info vom Klassenlehrer, dass das Klassenziel nicht erreicht wurde oder die Ansage vom Abteilungsleiter, dass bestimmte Mitarbeiter bei der nächsten Entlassungswelle dabei sein werden
Oder die Frau, die von ihrem Mann verlassen wurde.

Oder der Trauernde, der seinen Schmerz immer regelmäßiger im roten Wein ertränkt…
- „Hasch au scho ghört…“
- „Ha des däts bei mir ett gäba…“
- „Ond wie der scho aussieht…“
- „Wenn ich die sä no gugg i am besten ganz schnell weg….“

II.  Abwertend anglotzen oder aufwertend Ansehen!
„Wenn Blicke……. könnten …“, ja es stimmt schon, mit unseren Augen können wir starke Signale senden, negative und positive.

Wir sagen: „Wenn Blicke töten könnten“, aber auch: „Sie hat zwei blauen Äugelein, die leuchten wie zwei Stern…“
Wir reden von vernichtenden Blicken und davon, vor etwas die Augen zu verschließen und schmelzen dahin, wenn Humphrey Bogart zu Ingrid Bergmann sagt: „Schau mir in die Augen, Kleines…“

Wir sagen: „Glotz mich nicht so blöd an…“  und grölen (zumindest in meiner Jugendzeit) mit Annette Humpe: „Deine blauen Augen machen mich so sentimental, ja, deine Augen, wenn du mich so anschaust, wird mir alles andre egal, total egal.“

Die Macht der Augen
Auch Maria hat die gespürt.
Negativ von denen in Nazareth, die ähnlich wie Maria und Liesel sich das Maul zerrissen haben über sie, aber eben auch positiv.

Sie hat den Blick des Engels, der ihr erschienen ist, wahrgenommen und darin Gottes Blick gesehen. 

Und nach einem ersten Schrecken wurde ihr dann klar, was das für sie bedeutet hat:

„Er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen, von nun an werden mich selig preisen alles Kindeskinder.“
Maria und da ist sie mir ein ganz großes Vorbild, ja, da wird sie mir zur heiligen Maria, Maria misst dem erhebenden Blick Gottes mehr Gewicht bei als den abschätzigen, ja vielleicht sogar tötenden Blicken, denen sie auch ausgesetzt ist.

Und wissen Sie, ich glaube da können wir ganz viel von ihr lernen, von diesem jungen Mädchen.

Welchen Blicken, welchen Urteilen messe ich Gewicht bei und welche versuche ich zumindest nicht so an mich heranzulassen….
Natürlich neigen wir dazu, den negativen Dingen mehr Gewicht beizumessen als den positiven.
Da kann man als Mann einer Frau noch so viele Komplimente machen, aber wenn einer fragt: „sag mal hast du zugenommen?“, dann ist das alles nichts mehr wert.

Oder anders:
In der Schule kann es sein, ich hab‘ zu 24 Schülern ein gutes Verhältnis, aber mit dem einen Mädchen komme ich nicht klar…
Und immer wieder ertappe ich mich dabei, dem extrem viel Aufmerksamkeit zuzuwenden?

Muss das so sein? Ich glaube nicht.
Ich glaube, wir können zumindest immer wieder mal versuchen, dem Negativen nicht übermäßig viel Gewicht beizumessen.
Das hat nichts mit schönreden zu tun.
Aber mit Maria.
Bei welcher Gottes Blick ankam und die gespürt hat: Ihr sagte Gottes einer Blick mehr als 1000 abschätzige Blicke der Nachbarn in Nazareth.

III.  Unberührbar, aber nicht ohne Würde…
Apropos abschätzige Blicke
Was glauben Sie, wie es sich anfühlt, wenn man als Müllsammlerin aus der Kaste der Unberührbaren in der Stadt Guntur im Süden Indiens durch die Straßen geht und den Müll, den die besseren Leute mit einem Seil vom Balkon herunterlassen, um ihn dann aufzusammeln, ohne Handschuhe und ohne Schutzkleidung.
Sie sehen Bilder von Kumari aus der Arbeit von Brot für die Welt auf der Internetseite.
 www.brot-fuer-die-welt.de/projekte/material/indien-unberuehrbare/

Wie der letzte Dreck… ?
Ja, so könnte Kumari sich fühlen, die wir auf den Bildern sehen. Mit 16 Jahren wurde sie verheiratet, ihr Mann entpuppte sich schnell als notorischer Fremdgeher und Alkoholiker, der das mühsam verdiente Geld lieber in Alkohol als in die Familie investierte.
Ja, es gab Zeiten in ihrem Leben da fühlte sich Kumari genauso… wie der letzte Dreck. Auch als sie ihre beiden Kinder von der Schule nehmen musste, weil es nicht anders ging und die Familie sonst nicht hätte überleben können.

Doch dann begegnete Kumari Majula Julappala vom Dalit Bahujan Resource Center, einer Partnerorganisation von „Brot für die Welt“, die sich in Indien um die Dalits und insbesondere um die Müllsammler und Straßenreiniger kümmert.
Majula Julappala besorgte der Familie eine Bezugskarte für Lebensmittel zu günstigeren Preisen und einen Gasherd. Und vor allem sorgte sie dafür, dass Kumaris Tochter Jenamma wieder in die Schule gehen kann. In die Schule zu gehen ist für sie ein großes Glück. Deshalb strengt sie sich auch besonders an. Denn sie hat ein großes Ziel. „Ärztin möchte sie werden“ sagt sie schüchtern aber bestimmt. Und dann lächelt sie sogar…

Wie gut, liebe Gemeinde, dass es Engel gibt.
Nicht nur damals bei Maria und Josef, sondern auch heute, Engel wie Majula Julappala, die den Weg zu denen, die kein Ansehen genießen, nicht scheuen.
Engel wie Majula Julappala und ihre Arbeit im Dalit Bahujan Resource Center unterstützen wir mit unserem „Brot für die Welt Projekt“ in Nellingen in diesem Jahr.

Wir können nicht alle nach Indien reisen und in Projekten, wie dem vorgestellten, arbeiten.
Aber wir haben dein Gemeindehaus und wir haben ein tolles Team, das kocht und bäckt und serviert und spült und hoffentlich viele Menschen, die kommen und essen und trinken und so indirekt dazu beitragen, dass Jenamma wirklich Ärztin werden kann und weiter Grund zum Lachen hat. Eben weil sie weiß: es gibt Menschen, die nicht auf mich herabsehen, sondern mich ansehen.
Und deshalb kann ich aufrecht und selbstbewusst und auch ein bisschen stolz durch mein Leben gehen. So wie Maria.

IV.  Gott ist sich nicht zu schade
Noch einmal Maria:
Sie hat das ja durchgezogen mit der Schwangerschaft und auch mit dem Kind.
Ganz sicher ohne Mutterschutz und Geburtsvorbereitungskurs.
Der Kreissaal war ein Stall oder vielleicht auch eher eine Rumpelkammer.

Für mich bedeutet das, dass Gott sich für nichts zu schade ist.
Weder für die Unberührbaren in Indien, die ihren Lebensunterhalt mit Müllsammeln verdienen und auch nicht für die Rumpelkammern in unserem Leben hier.
 
Ich weiß nicht, wie’s Ihnen geht, aber in meinem Leben gibt’s auf jeden Fall auch so ein paar Rumpelkammern. Ganz real, aber auch im übertragenen Sinn: Ich glaube jeder/jede hat so was. Und da stellt jeder auch so manches ab. Stellen wir uns mal vor, was da so rumstehen könnte: Vielleicht die Trümmer von gescheiterten Beziehungen, der abgebrochene Kontakt zu den Kindern oder Enkeln, die Enttäuschung darüber, dass manches nicht so geklappt hat, wie man wollte, in der Schule oder im Beruf, vielleicht stehen ja auch ein paar Flaschen zu viel herum, mit denen man versucht, Minderwertigkeitskomplexe wegzuspülen oder ein paar alt Säcke voller Neid und Eifersucht und irgendwo ganz in einer Ecke, da stehen vielleicht auch noch ein paar Pakete voller Trauer über einen lieben Menschen, der mir auch nach Jahren immer noch so fehlt.

Und genau da hinten und nicht vorne, wo alles so schön aussieht, genau da hinten fängt Jesus seine Geschichte mit den Menschen an. Bei uns hier und auch dort in Südindien und überall auf dieser Welt.

Er bringt Licht grade dorthin, wo‘s dunkel ist.

Mit ihm, dem Kind in der Krippe in meinem Herzen, kann ich die ungeordneten Dinge in meinem Leben anschauen, stehen lassen, da wo’s geht, aufräumen und mich in jedem Fall trotzdem oder gerade auf Weihnachten freuen. 

„Ha gugg au do no!“
Er schaut mich an.
Sein Blick sagt mehr als tausend Worte.

Deshalb müssen wir vor nichts die Augen verschließen.
Vor gar nichts.
Amen!

 

Predigttext zum 1. Advent als PDF-Datei

Dalits - die Unberührbaren in Südindien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quelle: Projektinformation "Brot für die Welt": Rechtsbeistand für die „Unberührbaren“:  www.brot-fuer-die-welt.de/projekte/material/indien-unberuehrbare/

 

 

 

 

Predigt von Pfarrer Peter Brändle über 1. Petrus 5, 5b ff, gehalten am 29. September 2019 in Nellingen, St. Blasius-Kirche

1. Petrus
1.5  Alle aber miteinander bekleidet euch mit Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.
1.6  So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.
1.7  Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.

Liebe Gemeinde,
um die Demut geht es heute.

Zunächst eine kleine himmlische Geschichte:

Da kommt also ein Pfarrer, der sehr von sich und seiner moralischen Integrität überzeugt ist, zu Petrus, inzwischen Himmelspförtner,  und bittet um Einlass in den Himmel. Zugleich kommt ein stadtbekannter „Tunichtgut“, der so einiges auf dem Kerbholz hat, was der Herr Pfarrer natürlich auch weiß.
Beide bitten bei Petrus um Einlass, wobei der Pfarrer schon einigermaßen empört darüber ist, dass es der andere überhaupt wagt, um Einlass zu bitten.
Petrus schaut die beiden an und bittet dann beide in einen Vorraum, wo beide in einem großen Fass noch ein Bad nehmen sollen.
Der Pfarrer steigt in das ihm zugewiesene Fass und stellt fest, dass er in goldgelbem flüssigem Honig badet, dem anderen, dem Tunichtgut wird ein Jauchefass zugewiesen.
Beide steigen nach einiger Zeit aus ihren Fässern. Und treten, nackt wie Gott sie schuf wieder vor Petrus.
Noch eingebildeter als vorher schaut der Pfarrer auf seinen Nebenmann und bittet Petrus um Einlass:
Doch der sagt ganz trocken: „Bevor ihr hier eintretet, bitte gegenseitig abschlecken!“


Tja,. So kann‘s gehen.

„Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen gibt er Gnade.“

Was ist Demut?
Und was sagt Paulus uns heute im Jahr 2019 lebenden und arbeitenden Menschen, wenn er uns zur Demut auffordert?
Bekleidet euch mit Demut.
Was sind das für Kleidungsstücke, die wir da tragen sollen?
Heißt das Christinnen und Christen sollen graue Mäuse sein und bloß nicht auffallen? Ja kein buntes Kleidungsstück und schon gar keine Schminke?
Und vor allem: in jeder Auseinandersetzung alles auf sich nehmen. Büßergewand, Asche aufs Haupt:
I darf nix und i benn nix und bei mir isch soweiso alles nix…

Nein, liebe Gemeinde, so nicht, das ist es ganz gewiss nicht, was Paulus uns sagen will.
Was aber dann?

Drei Annäherungen:
1.    Alles gut ?
2.    Leben ist wie Zeichnen ohne Radiergummi
3.    Demut und Humor – ein Geschwisterpaar.

Zum Ersten: Alles gut ?
Ich bin mir sicher, Sie kennen sie, die Frage: Alles gut?

Manchmal habe ich den Eindruck wir leben in der „Alles gut Gesellschaft“.
Wie manche von Ihnen wissen war ich ja in den letzten Jahren in zwei großen Unternehmen tätig. Und es liegt mir ferne, die freie Wirtschaft zu verteufeln und schlecht über diese Zeit zu reden. Nein ich habe da viele gute Erfahrungen gemacht und super Menschen kennengerlernt.
Mit einer Sache allerdings tat ich mich schwer. Gefühlt jedes zweite Gespräch und jede zweite Begegnung begann mit diesen beiden Worten: Alles gut?
Und letztendlich gab und gibt es da auch nur eine Antwort:
Klar alles gut, alles supi, alles im Griff, läuft!
In der „Alles Gut Gesellschaft“ ist kein Raum, für andere Antworten.
Denn man will ja vermitteln und als Führungskraft sowieso: Klar hab ich alles im Griff, bei mir läuft‘s.
Alles andere bedeutet Angriffsfläche. Und Zeit für ausführliche, differenzierte Antworten hat der, der diese Frage stellt in der Regel eh nicht.
Aber liebe Gemeinde heute Morgen: Alles gut?
Ganz ehrlich, bei wem ist schon ALLES gut?
Mir persönlich geht es wirklich nicht schlecht und ich bin ganz sicher auch keiner, der besonders viel jammert.
Aber alles gut?
Da sind vielleicht Sorgen um die Kinder und auch in der Beziehung ist nicht alles perfekt.
Und beruflich? Ja vieles gut, aber es gibt auch offene Baustellen und Fragen, wie alles wohl wird?…
Und natürlich auch die ganz großen Fragen:
Klimakrise und immer mehr Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten müssen, weil es sich dort nicht mehr leben lässt.
Alles gut?
Nochmal den Anzug der Schwarzmaler und Miesepeter müssen wir Christen uns nicht anziehen, aber wir haben eine ganz wichtige Aufgabe in dieser Gesellschaft und in diesem Leben. Und eine ganz große Freiheit: Nämlich die Dinge so zu benennen wie sie sind. „Die Wahrheit wird euch frei machen“ sagt Jesus im Johannesevangelium.

Und Rosa Luxemburg, deren 100. Todestag wir Anfang diesen Jahres begingen, sagte einmal: Zu sagen was ist, bleibt die revolutionärste Tat.

Ich glaube liebe Gemeinde, es ist so wichtig, dass es Menschen und Orte gibt, an denen wir nicht „Alles gut“ sagen müssen, sondern sagen, wie es wirklich ist.
Dazu haben wir die Freiheit. Und das hat eben auch ganz viel mit Demut zu tun, wenn wir dem „Alles gut“ Wahn ab und zu die Stirn bieten.
Oder mit Max Herre, dem Stuttgarter Musiker:
„Vielleicht kann man nicht immer gewinnen, aber wie man verliert das kann jeder selber entscheiden.“
Alles gut?
Eine demütig christliche Antwort lautet:
Nein, aber trotzdem gehe ich aufrecht und mit erhobenem Haupt durch mein Leben.
Alles gut?
Nein, ich hab vielleicht grad Sorgen um meine Kinder oder um meinen Job oder um meine Eltern, aber trotzdem bin ich hier und trotzdem vertraue ich, dass da ein Weg ist, den ich, den wir gehen können, denn ich kenne den Einen von dem Paulus sagt: Alle Eure Sorgen werfet auf ihn, denn er sorgt für euch!
Er hilft mir grade auch mit dem zu leben, was vielleicht nicht gut ist.

Mein zweiter Punkt:

Leben ist wie zeichnen ohne Radiergummi.
Nochmal eine kleine Geschichte, diesmal aus meinem Leben und wirklich so passiert:
Es muss im Jahr 1978 gewesen sein. Ich war in der 5. Klasse Gymnasium. 1. Stunde BK – Bildende Kunst. Zeichnen und Malen war für mich in der Grundschule ein Hassfach. Weil ich es nicht so habe mit der Genauigkeit und ich zum Leidwesen meiner Lehrerinnen dort immer über den Rand rausgemalt habe.
Dann wie gesagt, Gymnasium Klasse 5. Kunst bei Professor Klaus Pyczka. Wir sollten ein Haus malen. Ich fing an mit Vorzeichnen mit Bleistift und Lineal. Danach ausmalen. Nach einer Weile schaute mir Pyczka über die Schulter. „Um Gottes Willen, was machst denn du da? Doch nicht mit dem Lineal, raunzte er mich an“. Komm mal mit. Und dann ging‘s in sein Kabuff neben dem Zeichensaal. Voller Pfeifenrauch, das war damals noch erlaubt in der Schule. Er nahm einen Schwamm, verwischte alle meine schon wieder gescheiterten Versuche, nicht über den Rand rauszumalen und begann mit einem dicken Pinsel und groben Strichen ein Haus zu malen. Er drückte das halbfertige Kunstwerk in die Hand und sagte: „Jetzt du. Nimm Farben, kräftige und überleg nicht so viel.“

Von da an malte ich gerne. Ohne Vorzeichnen, ohne Radiergummi. Als ich fertig war mit meinem Haus, klopfte mir Pyczka auf die Schulter:
„Bist ne Malsau, aber mit den Farben, das kannste!“
Leben ist wie zeichnen ohne Radiergummi.

Wissen Sie, es läuft nie alles glatt im Leben. Und unser Lebenskunstwerk ist auch kein Malen nach Zahlen und kein CAD Plan.
Sie wissen alle selbst, wo ihre Macken sind und wo sie deutlich hinausgemalt haben über den Rand und wo vielleicht auch die Perspektive oder das Verhältnis nicht stimmt.
Aber grade so wird und ist es eben: UNSER Leben. Mit allem, was dazugehört.
Wer alles immer zu 100% richtig machen will und alle Erwartungen erfüllt, lebt vielleicht gerade so an seinem Leben vorbei und liefert eher eine schlechte Kopie als sein echtes Lebensbild ab.
Und da sind wir wieder bei der Demut und auch bei der Freiheit.
Gerade weil wir wissen, dass die Macken und die Fehlstriche und die Sackgassen zu unserem Leben gehören, brauchen wir nicht vor lauter Angst etwas falsch zu machen, uns permanent absichern oder lieber gar nichts entscheiden.

Nein wir sind frei, um zu handeln und zu entscheiden und zu leben.
Nach bestem Wissen und Gewissen, aber begrenzt.
Bist ne Malsau, aber mit den Farben, das kannste!

Mein dritter Punkt: Demut und Humor, ein Geschwisterpaar.
 Auf den ersten Blick scheinen die Demut und der Humor ein sehr gegensätzliches und ungleiches Geschwisterpaar zu sein.
Stellt man sich doch einen demütigen Menschen eher gebückt und zerknirscht, ziemlich belastet und tendenziell schwermütig vor. Ich glaube diese Bild gilt es zu korrigieren.
Ich glaube, wer wirklich demütig ist, wer um seine Schwächen weiß und diese nicht verstecken muss, wer das Gute gut und das Mangelhafte mangelhaft nennen kann, ganz offen auch im Blick auf sich selbst und das eigene Leben, wer keine Angst davor haben muss, dass das perfekte Bild Risse bekommen könnte, nur wer das kann, kann auch befreit über sich selbst lachen. So wie auch Gott, da bin ich mir sicher, immer wieder liebevoll über uns lacht droben im Himmel…

Verzeihen Sie, aber dazu noch einmal eine kleine Begebenheit:

Es war bei einem Geburtstagsbesuch.
Ich hatte das Gefühl, dass wir ein gutes Gespräch geführt hatten. Der Jubilar und ich. Im wahrsten Sinn des Wortes über Gott und die Welt und sein Leben.
Und dann ging ich, so nach einer Stunde, nachdem wir auch gesungen und miteinander gebetet hatten. Beim Rausgehen hörte ich, wie der Schwiegersohn, gebürtiger Hesse zu seinem Schwiegervater sagte:
„So Opa, jetsch hosch der Pfarrer a Überstanda…“
Ich musste lachen, und als der Schwiegersohn merkte, dass ich’s gehört hatte, er auch…
Humor und Demut, ein Geschwisterpaar.
 
Alle aber, bekleidet euch mit Demut, denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade…

 

Lassen Sie mich schließen mit Worten von Hans Dieter Hüsch, auch einer, der die Dinge benennen konnte, ohne sie schönzureden und trotzdem immer wieder lachen konnte, herzlich:

Ich bin vergnügt
erlöst
befreit
Gott nahm in seine Hände meine Zeit.
Mein Fühlen, Denken
Hören, Sagen
Mein Triumphieren
Und Verzagen
Das Elend
Und die Zärtlichkeit

Was macht, dass ich so fröhlich bin
In meinem kleinen Reich
Ich sing und tanze her und hin
Vom Kindbett bis zur Leich

Was macht, dass ich so furchtlos bin
An vielen dunklen Tagen
Es kommt ein Geist in meinen Sinn
Will mich durchs Leben tragen

Was macht, dass ich so unbeschwert
Und mich kein Trübsinn hält
Weil mich mein Gott das Lachen lehrt
Wohl über alle Welt

 

Amen!

Pfarrer Brändle, Predigt über 1. Petrus 5, 5b ff, am 29. September 2019, St. Blasius-Kirche

 

Erntedankfest 2019 - Pfarrer Peter Brändle in Nellingen St. Blasius-Kirche

Liebe Gemeinde,

wenn sie  über ihren Glauben nachdenkt, hat Margit, sie  ist 52 und Physiotherapeutin  immer  wieder das Gefühl, sie bekommt  Steine statt Brot  und  von  den Rosen am besten Fall die Dornen. Ja, manchmal hat sie das Gefühl  sie bekommt  von Gott  selbst  einen Korb. Eine glatte  Abfuhr,.

 „Ich bete doch jeden Tag, morgens und abends. Und in die Kirche geh ich auch, ziemlich oft. Und im Frauenfrühstück fehle ich fast nie.

Aber irgendwie  läuft vieles ins Leere.  „Der hört mich nicht. Ich weiß manchmal  gar nicht, was ich noch glauben soll.

Letztendlich muss ich ja doch alles selbst geregelt kriegen.

Hilf dir selbst dann hilft dir Gott.“

Ich glaube, Margit ist mit diesem Gefühl nicht alleine

Ein Korb von Gott.

Dieses Gefühl kennen viele, In ganz unterschiedlicher Weise.

Und mit diesem Gefühl lebten auch die, an die der heutige Predigttext ursprünglich mal gerichtet war: Menschen in Jerusalem vor über 2500 Jahren: „Warum fasten wir und du siehst es nicht an, warum kasteien wir unseren Leib und du willst es nicht wissen…? So zitiert der Prophet die, an die er sich richtet, ein paar Verse vor dem heutigen Predigttext.

Seine Antwort ist erstaunlich:

Nicht: Du musst halt noch mehr beten und vor allem richtig und noch frömmer werden und fasten und meditieren.

Oder heute: Probier‘s doch mal mit Yoga oder mit dem Jakobsweg oder einem Bibelkurs oder geh doch mal zu dem Pfarrer da in der Nachbargemeinde, der bringt das so lebendig rüber, oder zu Prisma in den Scharnhauser Park….

Nein, seine Antwort auf die  so bedrängende Frage nach der Nähe Gottes lautet:  

Ich lese  aus Jesaja 58:

Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Liebe Gemeinde:

Der Prophet sagt uns hier glasklar: Die Begegnung mit dem Bedürftigen führt zur Begegnung mit Gott.

Aus dem Mund dessen, der meine Hilfe benötigt, höre ich dann mitten auf der Erde die Stimme des Himmels, die zu mir sagt: Hier bin ich.

Klare Ansage!

Kirche ist nur da wirklich Kirche, wo sie für Andere da ist.

Und wenn die Evangelische Kirche in Deutschland ein Rettungsschiff für Geflüchtete ins Mittelmeer entsendet, dann ist sie damit ebenso auf dem Weg, den Jesaja aufzeigt, wie wenn die Kirchengemeinde Nellingen in diesem Jahr ein Projekt von Brot für die Welt zur Unterstützung der Dalits, der Unberührbaren in Indien unterstützt.  

Aber liebe Gemeinde:

Es geht mir heute Morgen weder ums Schulterklopfen noch darum Ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen und sie mit einer ellenlangen To do Liste in den Sonntag zu schicken.

Nein:  Es geht mir um nicht weniger als um ihr Herz.

Und darum, dass Sie nachher das Gefühl haben, beschenkt nach Hause zu gehen. Mit einem vollen Korb.

Vielleicht gelingt es ja, dass sie berührt  werden in ihrem Herzen von dem Gedanken, dass die Zuwendung zu Menschen, die Hilfe brauchen nicht lästige Christenpflicht ist, sondern uns  etwas  gibt.

Ja, dass wir mit Körben voller Rosen heimkommen, wenn wir  mit den Hungrigen unser Brot teilen.

Drei Beispiele von gefüllten Körben von Menschen, die gesättigt wurden und nicht abgespeist.

Weil sie geteilt haben, ihr Brot:

-                Zum Ersten: Mein Ebo, en lass i nemme  ganga…

-               Zum Zweiten: Muss  i  denn muss  i  denn  zum Städtele hinaus

-              Und  zum Dritten : Puccini im U Bahn Schacht und ein Polizist mit Herz

Zum Ersten

Mein Ebo, en lass i nemme  ganga…

Ebo kommt aus Syrien und bekam vermittelt vom AK Asyl der Kirchengemeinde die Möglichkeit in einer Autowerkstatt als Aushilfe tätig zu sein.

„Anfangs war ich skeptisch“, sagt der Chef.

„Ganz ehrlich- So ein Schwarzer. Kann der das?

Und was ist mit den Kunden, wenn ich mal nicht da bin.

Und meine Mädels im Büro? Allein mit so einem….

Ob das geht?“

Es ging!

Und wie! Ebo erwies sich als extrem geschickt und lernwillig und zuverlässig und charmant.

Der Chef der Autowerkstatt sagt heute:

„Ja, ich war skeptisch, aber  jetzt weiß ich, mir konnte gar nichts Besseres passieren. So fleißig und zuverlässig und freundlich. Ich wüsste gar nicht, wie ich es ohne ihn noch schaffen sollte.“

„Mein Ebo , den lass i nemma ganga!“

Automechaniker sind selten Poeten, aber ich glaube, der Chef würde unterschreiben, wenn ich sagen würde: der Ebo, das ist ein Geschenk des Himmels! Oder mit Jesaja: „wenn du den Hungrigen dein Herz finden lässt, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen…“

Zum Zweiten:

Muss i denn muss i denn zum Städtele hinaus…

Es  war bei einem Trauerbesuch.

Alles ganz schlimm. Weil der Opa total dement ist und alles  durcheinander bringt und nicht fassen kann, dass seine Frau nicht mehr da ist und nur wirres Zeug redet und den Töchtern das alles  furchtbar peinlich ist und sie keine Ahnung haben wie das weitergehen soll. Und jetzt auch noch der Pfarrer…

Aber dann erzählt mir der Opa trotz Demenz auf einmal, wie das war mit seiner Frau und dass die  beiden lange getrennt waren, weil er beruflich schon im Schwabenland war und die Frau noch in der alten Heimat.

Und dass er dann immer  gesungen hat beim Abschied  "Muss  i  denn, muss i  denn zum Städtele hinaus" …Und  auf einmal haben wir zusammen gesungen, er und ich alle Strophen auswendig.

Und plötzlich strahlen die Töchter und bekommen feuchte Augen und ich auch. Sättigen, nicht abspeisen!

Brich mit dem Hungrigen dein Brot:

Mein dritter Punkt: Puccini im U Bahn Schacht und ein Polizist mit Herz

Weil ein Polizist  sich  berühren lässt von einer wunderschönen Stimme und weil Emily Zakoura  sich trotz Obdachlosigkeit an ihre Stimme  erinnert  und  vielleicht auch  an  ihren Vater in Russland und singt herzzerreißend  schön „O mio Babbino Caro“ – o mein lieber Papi,  in der U Bahn in LA , deshalb hat sie jetzt einen Plattenvertrag und  über eine halbe  Million follower… und muss vielleicht ja bald nicht mehr  Plastiktüten hinter sich her schleifen….

Hector Guzman, Polizeisprecher in Los Angeles sagt: „Die Botschaft für uns ist einfach: Wir sollten daran denken, uns einen Moment Zeit zu nehmen, um uns umzuschauen und zuzuhören."

Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Sättigen nicht abspeisen!

Ich hab Ihnen versprochen, dass ich Ihnen kein schlechtes Gewissen und auch keine „To do“ Liste zum Abarbeiten in ihrem eh schon vollen Alltag mit nach Hause geben will.

Aber eine Zusage, ein Versprechen soll es sein:

„Brich mit dem Hungrigen DEIN Brot.

Dein Brot!

Das heißt doch: gerade du hast etwas, etwas ganz besonderes, Einzigartiges, was du teilen kannst, etwas zum Hergeben! Etwas, was ein Anderer nur von dir bekommen kann.

Überlegen Sie mal! Da fällt Ihnen was ein, ich bin mir sicher!  =>

In unserem Nachdenken und Nachspüren begleitet uns Liudmilla Frank am Klavier mit „The Rose“.

Ich sage, die Liebe ist wie eine Blume und du ihr einziger Samen
 
Und dann, liebe Gemeinde, heute Morgen hab ich zum Schluss noch eine Frage:

Kennen Sie Mr Sott?

Nein?

 Mr Sott ist nicht etwa ein neuer Minister im sich gefühlt wöchentlich verändernden Kabinett von Donald Trump.

Nein Mr Sott ist eigentlich Schwabe.

Und eigentlich  spricht er auch gar kein Englisch. Er spricht schwäbisch.

Mr sott sagt er immer wieder. Man sollte…

Mr sott dringend

·         die Tante besuchen,

·         das Einkaufsverhalten verändern

·         sich ehrenamtlich engagieren,

·         dieses Problem endlich offen ansprechen

·         sich mehr Zeit für die Familie nehmen,

·         weniger Auto fahren,

·         abnehmen,

·         einen alten Freund anrufen…

 

„Mr sott.“

Ich wünsche mir, dass wir uns heute Morgen verwandeln lassen. Von Mr. Sotts, von „mr sott Menschen“ zu solchen, die Ich sagen.

Denn wissen Sie, dazu hat uns Gott ja geschaffen. Die Bibel berichtet davon schon auf ihren ersten Seiten.

Obwohl Adam von Anfang an kein Musterschüler ist und mit seiner Eva gleich mal kräftig danebenlangt, wird er uns als einer vorgestellt, der Ich sagen kann. Ich als Persönlichkeit, als Individuum!

Ich!

Weniger: „mr sott“, als vielmehr: Ich.

Ich bin bereit dies oder jenes zu tun.

Ich stelle mich dieser oder jener auch unangenehmen Situation.

Ich kann nicht alles machen, aber da, wo ich etwas zugesagt habe, versuche ich meinen Teil beizutragen.

Und manchmal sage ich auch eindeutig: „Nein!“

Aber eben auch „Ich“.

Liebe Gemeinde,

wo wir Ich sagen, werden wir angreifbar.

Nicht nur im negativen Sinn. Viel wichtiger, auch positiv. Greifbar, berührbar.

Auch für andere.

Und, das ist das Versprechen, mit dem ich Sie heute in Ihr konkretes nicht perfektes, aber besonderes Leben schicke: Wo wir „Ich“ sagen, da kann‘s immer wieder passieren, dass ich in dem Augen meines Gegenübers auf einmal das Leuchten der Augen Gottes entdecke, die mich anstrahlen und mir sagen: Hier bin ich.

Und du bekommst keinen Korb von mir!

Oder nochmal anders:

-          „mein Ebo, den lass i nemme ganga-„

-          „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus“

-                   -            Puccini im U Bahn Schacht und ein Polizist mit Herz

-          Vielleicht tragen Sie nächste Woche ihre Geschichte in diese Liste ein.

 

Und vielleicht sieht ja Margit, sie erinnern sich, die 52 jährige Physiotherapeutin, in der Rose, die vor ihrer Praxis liegt und die sie von dem Patienten bekommen hat, den sie eigentlich hätte gar  nicht behandeln dürfen, weil er keine Krankenversicherung hat, eine Rose, die  ihr der liebe Gott  geschenkt hat.  

Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen:
Siehe, hier bin ich.

Amen!

Pfarrer Brändle, Erntedank-Predigt am 6. Oktober 2019 in der St. Blasius-Kirche

Erntedank-Predigt 2019 als PDF-Datei

Predigt von Pfarrer Peter Brändle am 10. Oktober 2019 in Nellingen, St. Blasius-Kirche

Gott schreibt auf krummen Zeilen gerade –

Liebe Gemeinde, der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im 2. Kapitel des Buches Josua.

Die Israeliten stehen nach erfolgreicher Flucht aus Ägypten und der Durchquerung des Schilfmeeres vor dem Einzug ins gelobte Land. Mose der Anführer war gestorben und hatte Josua beauftragt, seine Nachfolge anzutreten. Und Josua wusste auch nicht so recht, was sie da erwarten würde, im gelobten Land. Deshalb schickt er zwei Kundschafter Richtung Jericho. Was dort passiert ist spannend:

Lesung Josua 2, 1- 14

„Mach auf, mach sofort auf, ich muss mit dir reden…“

Rahab schrickt auf. Sie ist eingenickt am Feuer in der Küche ihres Hauses am Stadttor. Draußen war es schon dunkel geworden. Und spät auch schon. Salmon, ihr Mann ist schon im Bett. „Mach auf, mach sofort auf, ich muss mit dir reden.“

Jetzt hat sie ihn erkannt. Es ist Boas, ihr Sohn. Schlaftrunken geht sie zur Tür und öffnet ihm.

„Wenn der das nicht zurücknimmt, dann bring ich ihn um…, er darf alles tun, aber meine Mutter beleidigen, das darf er nicht.

Boas ist außer sich.

„Jetzt setz dich erstmal hin und beruhige dich. Und dann erzählst du mir, was passiert ist.

Rahab sieht ihrem Sohn in die Augen. Die funkeln vor Wut und die Adern am Hals sind hervorgetreten. So hat sie ihren Sohn noch nie gesehen. Oft sieht sie ihn grad eh nicht, seit er ausgezogen ist. 25 Jahre alt ist er jetzt schon, ein richtiger Mann…

Nur langsam beruhigt er sich.

Und dann bricht es  aus ihm heraus;

„Der Elkana, der Drecksack, weißt du, was der behauptet: Dass ich ja gar nicht sicher sein kann, dass mein Vater Salmon wirklich mein Vater ist, weil du doch früher mit jedem ins Bett gestiegen seist, ja, er stockte und dass du eine Hure warst und dass es Zeit sei, dass ich das auch mal erfahre.

Wenn die anderen sich nicht vor ihn gestellt hätten, ich glaub ich hätt‘ ihn echt erschlagen.

„Zum Glück“ entgegnet Rahab „zum Glück hast du das nicht getan.
Boas, eigentlich wollte ich mit dir schon lange mal darüber reden: Elkana hat Recht, zumindest teilweise….

„Nein!!!!,  bricht es aus Boas  heraus, neiinnnn, hat er nicht.

 

„Womit er nicht recht hat ist, dass er in Frage stellt, dass Salmon wirklich dein Vater ist. Salmon ist dein Vater ganz sicher.“

„Aber warum sagst du dann, dass er recht hat?“

„Weil das Andere stimmt. Ja, ich war wirklich eine Hure. Ja, ich hab mir meinen Lebensunterhalt verdient, dass ich mit anderen Männern ins Bett ging, und du willst gar nicht wissen, wer da alles dabei war…“

 

„Hör auf Mama“ hör auf, das kannst du nicht sein, du doch nicht….“

 

„Doch ich. Und ganz ehrlich, Ich hatte eigentlich gar keine andere Chance damals. Ich hatte keinen Mann und einen Job gab‘s auch nicht und irgendwie musste ich ja über die Runden kommen und deine Großeltern musste ich auch noch versorgen und meine jüngeren Geschwister.

Und mit Salmon, deinem Vater, kam ich nur zusammen, weil ich damals die Kundschafter der Israeliten, die Josua losgeschickt hatte vor dem König von Jericho geschützt habe. Aber ganz ehrlich, das war auch nicht unbedingt eine Heldentat. Mir ging‘s auch da ums. Überleben.

Ich dachte mir: Die Israeliten werden uns überlegen sein, nach allem, was man von denen gehört hatte und bevor die auch mich und unsere ganze Familie ausrotten, lass ich mich lieber mit denen ein und verrate unseren König und seine Leute.

Und so kam es ja dann auch. Unser Haus war das Einzige, das die Israeliten verschont haben in ganz Jericho. Aber nur, weil ich das mit denen ausgehandelt habe.

Sonst wär ich auch schon lange nicht mehr unter den Lebenden. Und dich, dich würde es gar nicht geben.

Aber, und als sie diesen Satz sagt, muss Rahab schlucken, aber das es dich gibt und dass ich den Salmon getroffen habe unter den Israeliten, die da ins Land kamen, deinen Vater, das ist mein größtes Glück. …

 

Boas saß mit ungläubigen Augen da. Immer wieder schüttelte er den Kopf. Sagen konnte er nichts. Irgendwann stand er auf. Und ging. Wortlos.

Rahab konnte nicht schlafen in dieser Nacht. Nur Salmon neben ihr, der schlief den Schlaf des gerechten.

 

Liebe Gemeinde, Rahab, eine Frau mit Vergangenheit.

Keine mit einem glänzenden Lebenslauf.

Als Hure hat sie ihr Geld verdient.

Und auch ihre Rolle in der Geschichte mit den von Josua ausgesandten Kundschaftern ist nicht eindeutig.

Klar, sie hat den Israeliten geholfen. Aber die Anderen, ihre eigenen Landsleute hat sie gnadenlos verraten und den Besatzern ausgeliefert. Objektiv betrachtet, um den eigenen Arsch zu retten.  

Alles andere als eine Heilige, die Rahab.

Ziemlich schillernd, man könnte auch sagen: zweideutig diese Frau.

Sauberfrau Rahab – Fehlanzeige…

 

Schnitt

Was, der will Pfarrer sei und d’ Leit verheirata, isch doch selber gschieda…

 

Was: Ministerpräsident Kretschmann persönlich gratuliert Reinhold Würth zu 70 Jahren Unternehmensführung und lobt seine Verdienste für das Land Baden Württemberg. Dabei war der Würth doch vor Jahren der Steuerhinterziehung angeklagt und hat 3,5 Mio. Strafe bezahlt.

 

Was, die macht Jungschar und hat Verantwortung für unsere Kinder, dabei hab ich sie doch am Samstag aufm Volksfest gsäa mit ra Zigarett im Mund und ob se no ganz nüchtern war, weiß i au nett und zwei Kerle henn se  em Arm kett.

 

Was…

Ich könnte diese Reihe fortsetzen.

Eines will ich gleich mal klarstellen:

Den Mann, die Frau mit der ganz weißen Weste gibt es nicht. Wir alle haben irgendwo unsere Flecken und irgendwo unsere Leichen im Keller.

Und das müssen gar nicht immer irgendwelche moralischen Vergehen sein.

Aber es gibt ja so Dinge die hätten wir gerne anders, da hätten wir uns gerne anders aber kriegen es einfach nicht hin, vielleicht auch, weil wir so geprägt wurden von den Eltern, von den Lehrern, von der Oma vom Leben – Schwachstellen dunkle Seiten woher immer sie kommen, ich glaube jeder kennt sie auch bei sich…….

Damit sie mich nicht falsch verstehen: ich will damit nicht sagen, dass alles egal ist und auch nicht, dass es keine Unterschiede in der moralischen Integrität gibt. Und dass so ein Mensch wie der Attentäter von Halle ja nichts dafür kann, weil er vielleicht eine schwierige Kindheit hatte. Nein, so nicht, ganz und gar nicht.

Es ist ganz klar: es gibt Dinge wie z.B. die sind aufs schärfste zu verurteilen und da muss Unrecht benannt und auch bestraft werden.

Und gerade wir Christenmenschen sollten schon darauf achten, dass das Leben und der Glaube, die Worte und die Taten zusammenpassen.

Aber ich glaube auf der anderen Seite eben auch, dass auf dieser Welt lange nicht alles immer eindeutig ist, eindeutig gut oder eindeutig schlecht, es gibt Grautöne und es gehört auch zu unserem Menschsein dazu, dass Dinge zweideutig beurteilt werden. Dass ein Mensch vom einen so - eben sehr positiv-  und vom anderen so -eben sehr negativ- wahrgenommen wird.

Mir fällt da, um in der Region zu bleiben, der frühere Stuttgarter OB Manfred Rommel ein:

Auf den kam ich kürzlich bei einem Besuch zu sprechen.

Und ich hab ihn gelobt, auch weil ich kürzlich in einer Ausstellung über ihn war: der ideale OB, klug, humorvoll, weltoffen, charakterstark… - ein super Typ.

Bei meiner Gesprächspartnerin stieß ich dabei auf wenig Verständnis:

„I hann den gar ett leida könna „  sagt sie „und du woisch scho au, dass der Rommel oiner von de Vordenker für Stuttgart 21 war…“

Ich will jetzt hier von der Kanzel runter keine Diskussion über S 21 von Zaun brechen, aber mir geht es um die Uneindeutigkeit in der Beurteilung von Menschen und Ihres Wirkens.

Das gilt für Rahab, für Rommel, für mich und wahrscheinlich auch für Sie…

 

Gerade der Manfred Rommel erzählte gern folgenden Witz:

Ein Autofahrer hört aus dem Radio: "Bitte fahren Sie äußerst rechts, ihnen kommt auf der A8 zwischen Ausfahrt Esslingen und Plieningen ein Geisterfahrer entgegen.“ Sagt der Fahrer zu seiner Beifahrerin: “Was einer, bei mir send des Hunderte.“

 

Und da sind wir wieder beim Thema: Wenn ein Mensch vermittelt, dass beim ihm immer alles glatt läuft und nie ein Problem auftritt und er zu den absoluten Saubermännern zählt, und alles immer richtig macht, dann stimmt meistens etwas nicht…

Nicht umsonst sagt Jesus: Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken in deinem Auge siehst du nicht.

Apropos Jesus:

Auch er hat ja seine Vergangenheit.

Im 1. Kapitel des Matthäusevangeliums wird uns sein Stammbaum vorgestellt.

Und wer findet sich da?

Überraschung?

Rahab!

Ja, die Rahab!

Ich weiß nicht wie’s ihnen geht, aber: Mir tut das so gut!

Eine Hure im Stammbaum des Heilands.

Gott schreibt auf krummen Zeilen gerade.

Ihm ist nichts zu banal und nichts zu unmoralisch und nichts zu menschlich und kein Mensch zu belastet, um mit ihm, mit ihr nicht seine Geschichte zu schreiben.

Und wissen Sie: Wenn in Jesu Vergangenheit Rahab ihren Platz hat, dann ist doch in seiner Zukunft, in der Gemeinde derer, die als Christen seinen Namen tragen, für uns alle Platz.

Für uns mit all unseren bekannten und unbekannten Leichen im Keller.

Noch einmal: Als getaufte tragen wir seinen Namen, sind wir Teil seiner Nachkommenschaft, also seines Stammbaums.

Und so wie für Rahab Platz ist unter seinen Vorfahren, so haben nicht nur perfekte, sondern vor allem auch komische Heilige unter seinen Nachkommen ihren Platz.

Auch solche mit einer schillernden Vergangenheit.

 

Noch einmal zurück zum Anfang:

Boas hat eine Weile gebraucht, bis er den Schock dieser Nacht verarbeitet hatte.

Ein halbes Jahr hatte er keinen Kontakt zu seiner Mutter.

Aber gedacht hat er oft an sie, sehr oft und sie an ihn. .

Dann aber, eines Abends setzte er sich hin und schrieb ihr einen Brief:

Liebe Mama, entschuldige, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe.

Abner ich konnte einfach nicht. Zuviel ist zerbrochen in dieser Nacht als du mir deine ganze Geschichte erzählt hast, mein Bild von dir als der perfekten Ehefrau und Mutter. Ja, das warst du für mich. Und jetzt ist alles anders. Und es wird auch nichts mehr so werden wie es mal war.

Und doch:

Irgendwie bin ich dir auch dankbar. Dankbar, dass du mir die Wahrheit gesagt hast, wenn auch spät. Und noch was: Du bist echt eine starke Frau.

Und eigentlich auch ziemlich cool, wie du den Deal mit den Leuten von Josua da ausgehandelt hast. Das hätte sich nicht jede getraut. So hast du dein und eigentlich auch mein Leben gerettet.

Und weißt du, worum ich dich auch bewundere:

Das ist dein Glaube. Dir nehme ich wirklich ab, wenn du sagst, dass Gott dich begleitet und zwar auf allen deinen Wegen. Bei dir ist das kein Geschwätz.

Mama, ich brauche noch eine Weile, bis ich wieder zu dir kommen kann. Aber du sollst wissen, dass ich dich sehr lieb habe und eigentlich auch ein bisschen stolz bin auf dich

Boas

PS: Mit Elkana ist übrigens alles wieder gut!

 

Liebe Gemeinde,  Rahab sagte:

Der Herr euer Gott, ist Gott oben im Himmel und unten auf der Erde….

 

Und unten auf der Erde, da schreibt er auf krummen Zeilen gerade.

Auch in meinem Lebensbuch.

Gott sei Dank.

Amen!

  Pfarrer Brändle, Predigt gehalten  am 10. Oktober 2019 in der St. Blasius-Kirche

 

 

"Gott schreibt auf krummen Zeilen gerade", Predigt als PDF-Datei